Montag, 31. Oktober 2016

Bordüre

Es war einmal ein Haben
Eine anschauliche Grafik, eine kultursensible Ambulanz

Dir fehlt, was mir fehlt
die Solidität der Ereignisse

Nähe durch Text, was nicht immer funktioniert

Resignation, Erschöpfung, Gestaltungswut
Da wird es bald ein Ende geben


Ich schäme mich für die tief in mir köchelnde Wut.
Ich bin Marilyn Monroe.
Ein Hund schnarcht.
P. schiebt alles auf die Krankheit. Jegliches soziales Fehlverhalten wird mit "der Krankheit" entschuldigt. "Wir haben alles versucht, aber da kann man nichts machen."
Depressionen und Heroin, das Katholische und das Deutschnationale, ein Landvolk mit Angststörung. Überall sollen Einbrüche vonstatten gegangen sein, aber niemand hat einen erleben müssen. Haustüren werden verriegelt, alles wird sicher gemacht.
Das deutsche Volk, pffff.
Hier sind alle depressiv und kaputt, meint M., und dort leben alle im Elend.
Ja, es gibt auch Stimmen der Vernunft.
Wie viel Energie, wie viel Kraft mich diese Auseinandersetzung zum Beispiel mit der katholischen Kirche gekostet hat, völlig unnötig, denke ich heute. Warum können sie die Leute nicht in Ruhe lassen damit.
Hier in AfD-Country, auch das N-Wort fällt häufig, Vampire Empire. Fernsehdeutschland, das Wirklichkeit geworden ist.
Sie reden alle gern, halten ihre Monologe, gleichzeitig räumen sie Sprechzeiten nur für die Monologe der anderen ein, die bitte einen ähnlichen Gestus haben sollten, von echter Auseinandersetzung, von Kommunikation, von Zuhören jedoch verstehen sie nichts, - dabei bin ich doch viel schlauer als sie!
Hehe.
Im Seniorenheim sitzen sie in einem Speiseraum, der durch ein frequentes Piepen (wohl der Kaffeemaschine) durchtaktet wird. Niemand redet. Hat sich erledigt, das Reden, am Ende wartet die Wortlosigkeit, wortlos geht es ins Grab hinab, Don't fear the Reaper. Der Nachbarstisch, keine 5m entfernt, scheint so weit entfernt wie die nächstliegende Insel, deren Umrisse man bei guten Wetter noch ausmachen kann.
Du machst die junge Frau nervös, sagt Oma. (Sie meint die Schwester, die auch mir Kaffee und Kuchen serviert und den zur Uniform - weiße Hose, ein Hemd in einem schönen dunklen Lila - passenden Lippenstift aufgetragen hat; das andere Thema wäre die latente Geilheit, oder sagen wir die Suche nach der rettenden Erotik, die sich hier in mir breitmacht - alles ist mit Erotik besser zu ertragen, das ist wie beim Zahnarzt, der in meinem Fall auch immer eine Zahnärztin ist.) Ansonsten spricht sie, also Oma jetzt, nur noch in Redewendungen. Was es zwei Stunden zuvor zu Mittag gab, hat sie schon wieder vergessen.
Sinnloses Wissen.
Die Nacht des verfolgenden Laubs.
Zu viel Essen, zu weiche Matratzen.
Ich schlafe im Taghellen.
Ich schlafe im Farbeimer.



Ich habe es gesehen. Die Trauer, die verdeckten Augen, die Tränen der Frauen, die Schleifen mit den Namen der Überlebenden, die auch auf den Kondolenzkarten standen. Die Überlebensbotschaften. Diese Botschaften gingen hinaus in die Welt, hinaus ins All, ins Schwarze, ins schwarze, dunkle Weltall.

Einer der Trauergäste hatte dramaturgisches Talent entwickelt. Er hatte im Dunkeln geschrieben, gewissermaßen ins Dunkle hinein, er hatte eine spontane Trauerrede gehalten, eine Moritat, sich vergangene Situationen ausgedacht, Winkelzüge für die anderen. Kleine Szenen waren entstanden, Fiktionales wurde mit Faktualem vermischt, vorne am Altar, aber die Verknüpfungen folgten nicht immer einer Kausalität. Sobald die Messe zu Ende ist, wird weiter gefoltert.

Wieder kam das Verlangen nach einer Zigarette. Dann fiel mir erneut mein Vater ein, der gemeint hatte, Rauchen hielte mich vom Denken ab. Ich denke eh anders als die anderen, das hat Melanie Kundera auch gesagt. Denken und schreiben. Ich hatte lange nichts mehr geschrieben, ich hatte nach und nach alles weggeworfen. Die alten Gedichte: Ich hatte sie immer mit großer Geste vorgelesen, in Kirchen, in Palästen, in Festsälen, tatsächlich waren sie zart. Mädchenzart. Als Mädchen hatte ich sie geschrieben, als Mädchen vorgetragen, als Vampirmädchen in einem Müllsack in schwarz. Mit großer Geste.


Samstag, 29. Oktober 2016

Draußen im Mentholpark

Draußen, im Mentholpark, ein Mechanismus der Verzögerung. Ich erwarte das Urteil, jeden Moment. "The benefits arrive and life goes on." Die Ästhetik der Oberfläche: Schauen wir uns auch das noch einmal an.

Im Zug: "Tom fragt wo wir gehn, Alter." "Wir gehn Wesel." "Tom ist aber Voerde, Alter." "Ey, solln wir Voerde?" "Wir gehn Wesel, Alter." "Wesel ist Abschaum, da bin ich jeden Tag, Alter."

Hier stehen Wärmebildkameras, es sind Traumbedingungen. Moderne Liebe kostet nichts. Damals, als ich im Windrad stand, und eine Wasserdecke auf mich zu kam, dachte ich nur: Mach es, mach es, mach es! Mit mir war es eine Zeitlang schwierig, aber jetzt geht es besser.

Ich war der Mann mit dem halbseidenen Kragen. Ich schrieb Artikel, die jeder Antwort auswichen. Ich war geblendet von Optik. Ich ließ mich in die Oberflächen ziehen. Ich hatte noch Einkäufe zu erledigen. Die Alleinerziehende, geben wir ihr einen Namen, nennen wir sie Doreen, ging mir für eine ganze Weile nicht aus dem Kopf. Ich fragte mich, was sie noch von mir wollte. Ich vertraute ihr nicht, spätestens, seit ich herausbekommen hatte, dass sie die Pille abgesetzt hatte, damals in den letzten Wochen unseres Zusammenseins, als ich innerlich schon den Anker geworfen hatte. Vielleicht hatte sie mich nur zu halten versucht. Danach war sie eine ganze Weile allein geblieben - wie schlimm das war, hatte ich bei einem meiner wenigen Besuche gesehen: Sie hatte sich einen Fernseher an einer Stange genau über dem Bett montieren lassen. (Eine Rechnung, die fast immer aufging: Je kürzer die Strecke vom Bett zum Fernseher, desto niedriger die Frequenz des praktizierten Geschlechtsverkehrs). Irgendwann lernte sie einen jungen Mann kennen, der es nicht so genau nahm - sie aber mitsamt Schwangerschaft kurzerhand sitzen ließ. Er existierte fortan nur noch als Absender einer Dauerüberweisung, was freilich nicht ohne Bürokratie und Rechtsanwälte ablief. Sie tat mir leid, aber ich konnte ihr nicht helfen. Alles, was von ihrer Leidenschaft geblieben war, war ein verrücktes Leuchten in ihren blassgrünen Augen. Von meiner war nur ein nostalgisches Gefühl von Heimat übrig. Heimat, die wieder auf dem Weg zurück in den Süden war. Sie war eine von denen geworden, die im Zug saß, wo sie ihr Kind mit Obst- und Gemüsestücken aus der Tupperware fütterte; Apfel, Tomate, Paprika, ein paar Trauben. Dazu Leitungswasser aus der Plastikflasche. Zu Hause Sterne auf dem Bademantel, Fernseher über dem Bett, tränendurchfeuchte Seiten eines abgelegten Jane-Austen-Romans.


Unterschätze niemals die Anziehungskraft eines erfolgreichen Lebens. Der einzige Zug vs. die vielfältigen Optionen überall. Ich liege als Ware abgeschlagen auf dem Sofa. Ein Zielfernrohr vor Augen.

Ich habe meine Standpunkte, zwischen Schmerz und Trauer.
Eine Geistermail, die nach vier Wochen einfach noch einmal kommt.

Samstags kauft sie Mode. Sie geht über den Rummel, sie schaut sich Casting Shows an, sie wählt einen Kandidaten beim ESC, sie stellt sich in einen Irish Pub, um das Champions League Endspiel zu sehen. Die Mittelschicht, die alles mitmacht und alles gut findet, und sie ist ein Teil davon.

To do: Erbrecht nachschlagen.

Hier sollte jetzt eine Werbung für einen Sessellift geschaltet werden.


Donnerstag, 27. Oktober 2016

Eine Liebe im Krankenhaus

Sie malte irgendetwas Großformatiges. Irgendetwas mit Fischen, die in einem pinkfarbenen Wald schwimmen. 

Simprobleme
Ladeprobleme
Displaybruch

Food is pleasure. I like to eat and I eat almost everything except of bananas and (...) toast hawaii. Gefühle auf Englisch, klingt alles ein wenig besser, glatter, straighter, unerschrockener. "Work hard, eat well." Na ja.

Meet me by the water, I am here until December, but I am free to date. I can sit at the Spree and have a drink or two, I have a boyfriend at home, but don't worry, I can absolutely control my emotions

Research and stalking


Man müsste alles flachlegen, was herumläuft, man müsste alles zerstören, was steht und kein Leben gefährden dabei, diese Sorte Gedanken hatte ich, während Jason bei Linda den Faden wieder aufnahm und mir ein hinterlistiges Lächeln schenkte. Ich lächelte falsch zurück, während er unerhörte Dinge in ihr Ohr flüsterte. Er hielt sie mächtig bei der Stange, sprach Weises, kam mit den richtigen Meinungen und Einsichten, sie sah schon ganz erlöst aus. Ich malte mir aus, wie sie Wetten abschlossen, wie sie um körperlichen Einsatz Spiele spielten. Ich malte mir aus, wie sie dem Barmann ein Zeichen gab, um sich in einer hinteren Ecke der Bar auszuziehen und sich auf seinen Schoß zu setzen.

»Ich kann sie über den Trumeau sehen.«
»Sie trägt keine Unterwäsche.«

Er rückte dichter heran, sie wehrte sich nicht. Sie wehrte sich nicht, rückte aber ein bemerkbares Stück von mir ab. Ihre Haut sah sehr gut aus. Eine Haut wie aus Zucker. Jason streckte die Hand aus und berührte sie. Sie lächelte wie unbeteiligt, drehte dann ihren Körper leicht in seine Richtung. Endlich kamen süße Sätze aus seinem Mund, während sie leise mit ihrer Halskette spielte. Sie lächelte ihn erfreut an und öffnete die Lippen, und für einen Moment stellte sie die Beine auseinander.

»Das geht aber nicht«, sagte sie, als Jason sich in Stellung brachte. »Ein Kuss könnte uns umbringen.«
»Wir haben uns schon mal geküsst«, sagte er.
»Das kann nicht bewiesen werden«, sagte sie.

Nestbau. Szenen einer intellektuellen Ehe. Dumm nur, dass ich aus Erfahrung nicht mehr an langfristige Konzepte glaubte, auch wenn meine so genannte Seele und mein so genannter Körper merklich anderes forderten. Ich schwankte zwischen Schmerz und Trost und baute mir Lust- und Luftschlösser am Rande des Zentrums. Ich dachte an den ungenauen blauen See, den die Alleinerziehende als Augenfarbe trug. Ich dachte an Architektur und Rückzug. Berlin, Stadt der Einsamkeit. Einsamer nie als in dieser Stadt. Dabei war ich schon in anderen Städten einsam gewesen. Der Unterschied war, dass es sich nicht mehr so schlimm anfühlte; aber ich verbrachte zu viel Zeit mit mir selbst, drinnen wie draußen. Ich wohnte aus ökonomischen Gründen hier. Die Basis dafür wurde sukzessive unterlaufen. Es wurde teurer in der Stadt. Die Stadt stellte auch zu deutlich Klischees aus. Sie bildete Ghettos; und auch wenn sich diese Ghettos vermischten, das eine Ghetto ins andere lief, überlief ins nächste, waren sie anhand ihrer Bewohnerinnen und Bewohner leicht zu erkennen; mit Ausnahme des alten, in den letzten fünfundzwanzig Jahren vergessenen Westens. Da löste sich die Welt auf. Rentierliche Bauten, leer stehende Kirchen, umgenutzte Kirchen, verlassene Kirchen, und in der Küche ein zu Schlagermusik nackt kochender Mann. Die Bedeutsamen standen auf dem Schulhof und spielten Tischtennis. Ein Leichenwagen kreuzte. Er war kaum als solcher zu erkennen, und irgendwie sah er sogar leer aus. Einen Trauerzug habe ich in dieser Stadt noch nie angetroffen. Es war, als ob der Tod unsichtbar wäre. Unsichtbar gemacht. Und ich wusste, wie Trauerzüge aussehen, ich habe in meiner Jugend in der Nähe eines Friedhofs gewohnt.


Dienstag, 25. Oktober 2016

Aneifern

Berlin ist groß.

"Man muss in der Tat die Empfindungen, die nicht verstanden werden, für sich behalten", meinte Balzac.

"Wenn Sie geliebt sein wollen, gehen Sie nie von Ihrer Geliebten, ohne sie ein wenig zum Weinen gebracht zu haben; wollen Sie in der Literatur Ihr Glück machen, so verletzen Sie immer alle Welt, selbst Ihre Freunde, bringen Sie die Eigenliebe zum Weinen: alle Welt wird zärtlich zu ihnen sein."
(Verlorene Illusionen, S. 387)

Meine Mutter hatte Gleichgewichtsstörungen, ich machte mich auf den Weg zum Pool. Als sie endlich anrief, war sie kurz angebunden.

Name einer Figur: Anna Biloxi. Eine andere: Henriette Signol.




Kontaktgrill, Gesichtssauna, Holzpantinen
Man schreitet in die Tram wie in eine Kirche
Das Wort lautet Dynamik, nicht Spiel

Phantompolitik, Luxus, Ausstieg aus der Allergie
Die Schuhe eher Abturner, aber die Zunge
sieht gut aus

Näher kommende Kräne, eine Kneipe jubelt

Der Funktionär, das Team, die Sicherheitsleute blieben gebannt vor der Bühne stehen. Sie griffen nicht ein, meldeten nicht, gaben keine Anweisungen durch, sie fragten nicht nach Order, entweder aus Respekt vor der Börse, oder weil sie schon informiert waren, oder aus Sympathie mit diesem Typ mit den strähnigen Haaren, dem Typ mit der Ausstrahlung eines geübten Womanizers, der Hautfarbe und Aussprache einer entlegenen Gegend, vielleicht ein Exilantensohn aus den untergegangenen Gebieten. Auch die Schauspielerin blieb am Rand der Bühne stehen und starrte.

Kunstpausen machte Frederic nicht, er hielt keine rhetorische, sondern eine persönliche Rede. "Arbeit lohnt sich nicht. Niemand hat Lust zu arbeiten", schloss er seine Rede ab und verließ die Bühne so entschlossen, wie er sie betreten hatte. Applaus gab es nicht, damit hatte er auch nicht gerechnet. Das ganze Gebaren blieb rätselhaft. Er rannte an M. vorbei, blicklos, auch den Prinzen grüßte er nicht, der Funktionär war unterdessen schwitzend auf die Bühne getreten und hatte das Wort ergriffen, der kleine Zwischenfall wurde rasch übergangen. Dann setzte erneut Musik ein.


Sonntag, 23. Oktober 2016

Der Unterschied zwischen Uhrzeit und Kultur

Falsche Liebe, ein Rest von Wehmut. Eisblaue, dünne Gedanken. Ein Radeltag, den ich in der U-Bahn verbringe. Ich sitze auf Taschen. Im Schatten des Objekts. Einer traditionell vietnamesischen Kusine.

Eine ähnliche innere Arbeit, eine Form von Shotgun De-bugging, irgendwie sind diese Arbeitstage immer zu lang. Es bleibt wenig vom Rest des Tages. Schon wieder ist acht Uhr, schon wieder muss in zwölf Stunden aufgestanden werden, und wenn man den Schlaf abzieht, hat man noch vier ruhige Stunden. Und ich versuche, hier Geheimnisse zu verraten (vielleicht auch deswegen von Edward Snowden geträumt), allein, das bringt meist gar nichts.

Ich schlief mit O. Im Hintergrund lief "Satisfaction" in der Version von Otis Redding. Natürlich war sie unbefriedigt, unzufrieden mit der Situation, natürlich beschwerte sie sich. Aber die Quote hatte Recht, die Unlust hatte Recht, nur die Bild-Zeitung log wie gedruckt. Sie verbreitete die von O. gesteckte Mitteilung, die schlimmen Gerüchte über mich würden nicht stimmen. Ich aber las das und dachte: Welche schlimmen Gerüchte überhaupt?


Und wieder ein Buchpreisroman, den ich nicht lesen werde.
Elke Heidenreich war schuld.

Raufutter
Schlachtbranche

Was fehlte? Es fehlte die Gesellschaft. Eine Szene. Die anderen Schreibenden. Das Problem war, dass alles sich längst zersplittert hatte, selbst bei den Nachkömmlingen, den jüngeren. Die Solidarität war gering, die Geschlechtspartner weitgehend ausgetauscht. Der Austausch ins Internet verlagert worden. Und war das alles überhaupt schlimm, am Ende? Vielleicht nicht.

Im Wordfeud bist du nur schwer zu schlagen, schrieb meine Mutter auf einer Postkarte.

Später war ich mit ihr auf einem Konzert gewesen. Sie stellte mir ihre Freundinnen vor. Sie waren entmutigend jung. Sie hießen wie Halluzinationen oder Hochglanzmagazine. Galatea und Wilma. Sie staunten mich unverwandt an, sie sahen klein aus und fesch und wie frisch im Seifenblasenladen gekauft, und sie fragten sich – natürlich zu Recht – was in aller Welt sie mit mir altem Sack wollte. (Ich werde ihr einen Zauberstab schenken, dachte ich, und ihr heiße Liebe einflößen. Ich bin im Geschäft, wenn sie den Rock nur etwas nach oben schiebt. Nur ein klein wenig, das etwas verspricht. Eine nackte Blondine, das traf es nicht. Es war ja nicht irgendeine. Man müsste also den Echtnamen einsetzen. Aber das geht nicht.)


Freitag, 21. Oktober 2016

Amalfi

Rothaarige Lionel-Richie-Coverband von der Almafi-Küste: The Pommodores.
Samstag spielen sie in Analfi.

Privatsphäre Privatfähre. Rundherum wie Pilze aus dem Wasser wachsende Felsen. Putin in Berlin, sein Geheimdienst liegt in einer mausgrauen, feindseligen Yacht vor Positano.
 
Verträumte Deutsche in Funktionsjacken, ein Regentag in Amalfi. Er in Radlertrikot, sie in türkis mit pinken Turnschuhen. Sie bestellen "die Nockis".

Magersüchtig, markensüchtig. Wir liegen nebeneinander und spielen Scrabble übers Handy.

Vorletzter Tag, ab morgen wieder Herbst in Berlin. "Bald liegt Amalfi in der Ferne", und die deutschen Nebelbänke rücken allmählich näher.


Es war bedeckt, aber trocken. Auf den Stufen vor dem Zeitungshaus saß eine Frau mit einer Tüte Paniermehl in den Armen. Die Gespräche in der Redaktion liefen gut, und ich beobachtete mich dabei, eine neue Gelassenheit entwickelt zu haben; früher schoss mein kränkbares Ego quer, die anstrengende Suche nach Anerkennung, jetzt kam die Anerkennung fast wie von allein und bescheiden und das reichte. Schriftsteller, Autor, Journalist. Mein Beruf war ein behaupteter. Was die mit dem Namen der Terroristin machte, wusste ich nicht. Sie saß an einem Schreibtisch wie ich. Sie ließ sich vom Kapital lieben. Sie assistierte dem Chef. Sie spielte ihm etwas auf der Kaffeemaschine vor, sie kochte Kaffee. Sie schaute Fremde an.


Ein Paar aus Niederösterreich, das Luxuswandern geht (das Gepäck wird von Hotel zu Hotel nachgeschickt) und mit uns das Taxi von Ravello zurück teilen möchte. Tal im Niedergang, Starkregen, die Talfahrt des Grauens für 50 Euro. Abschied am circulo.

Es gibt menschliche Seiten, sogar in Ravello, wo wir Schulklassen nach der Zeugnisausgabe (Trimesterzeugnisse?) euphorisch zum Schulbus strömen sehen. (Diese Euphorie, die zum Schulschluss, zu Ferienbeginn einsetzt!) Tornister mit Disneymotiven, in den Händen die Papiere, in den anderen das Handy oder das Nutella B-Ready, ein freudiger Lärm. Ansonsten muss man felsenhart sagen: tote Schönheit allerorts. Urlaub in Touristrien. Für Jahrzehnte, vielleicht sogar für ein ganzes Jahrhundert tote Orte. Die ausgestellte Schönheit erzählt einem niente, nada, nichts. Positano braucht kein Mensch, noch weniger als Capri, auch Ravello mit seinen Klassikfestivals ist ein Ort des Schreckens. Bildungsbürger, die Stufen hinauf- und wieder hinunterstiefeln, dann wird ein Katzenjunges aufgehoben und gestreichelt und ein paar Schritte in die parfümierte Kirche gesetzt (sie sparen nicht am Weihrauch) und das war es. Interessanterweise ist es selbst kulinarisch noch mal eine Nummer schlechter als in Roma, auch gerade, was das Touristenessen betrifft: die Pizzen, die Pasta, die Gelati. Nicht-Orte, tote Zonen, die Landschaft kann was, das Meer selbstredend auch, das Wetter ist gut, das sind freilich Argumente. Insgesamt aber: Braucht man nicht. Touristisch entleert, das alles.


Mittwoch, 19. Oktober 2016

Capri

Ein Manufactum-Roman aus dem Bücherregal der Hotellobby.
Die Rohre von Amalfi: Arbeiterklassensohn sitzt im Jacuzzi in einem weißen Hotelzimmer, so sieht's aus.
Draußen irgendein Karneval. Berge.
Der Erfinder der Sicherheitsnadel, der Erfinder des Fliegenklebestreifens. Fliegenpapier.
Telefon am Klo, Notklingel in der Dusche. Alles ist von Ikea, ggf. selbst der Jacuzzi. Merke: Das Duschgel-Tütchen schon vor der Dusche öffnen.

Meine private Telenovela, die in Hotels spielt. Für das Personal bin ich "Monsieur K." Bin ich Teil eines verrotteten Ehepaars? "Die Ehe ist am Ende." Die Rezeptionistin heißt Monica, der Best Boy Luca. Auf meine Frage, ob er denn on the second floor lebe, weiß er keine Antwort. Er wird das mal nachschauen auf Youtube.

Ich bin als Mystery Customer hier. Guter Job. "Wer nicht schlafen kann, der will nicht träumen", steht in dem Buch, das ich aus dem Regal habe. Der Kollege von Luca sagt, reich sein bedeutet nicht Geld haben. Reich sein bedeutet ausschlafen können. Als Teenager waren wir reich, sagt er. Zehn Stunden, vierzehn Stunden, kein Problem. Auch wenn Mama genervt hat. Wir konnten schlafen. Heute können wir das nicht mehr, weil wir aufstehen und arbeiten müssen. Aber das Leben ist nicht für die Arbeit gemacht, sagt er.

Und wann wirst du erwachsen, fragte mich die Alleinerziehende im Einkaufszentrum. Irritierende Lichter ringsum, aber sterile Geschäfte. Ihr Sohn wog schwer. Er war still und glotzte ins Nichts. Es war nicht meiner, und der passende Song dazu säuselte durchs Einkaufsradio, ein alter Hit. Während ich den Brocken schulterte und versuchte, die Balance zu halten, stand die alleinerziehende Exfreundin mit Tüten in den Händen da und beschwerte sich. Sie war neu auf der Liste der Menschen, die es störte, wenn man über sie in der Zeitung schrieb. Sie fühlte sich wehrlos. Dabei hatte ich nichts Schlechtes über sie geschrieben; aber sie fand, ich sollte die Konflikte mit ihr lieber direkt austragen, ihr ins Gesicht sagen. Eine Folge noch, antwortete ich.


Ich bin von der kleinen Novelle, die ich hier gefunden habe, mehr als positiv überrascht. Harry Mulisch, Augenstern. Gut gebaut, lustig verdreht, weise, hellsichtig, komisch.

"Neben dem dröhnenden Motor fragte ich ihn, ob gerade eben auch noch andere Leute vom Krater heruntergekommen wären. Als er mich befremdet ansah, wechselte ich schnell das Thema und erkundigte mich nach dem Wohlbefinden seiner Verwandtschaft. Sein Vater, obwohl Faschist wie alle hier, sei von den Amerikanern standrechtlich erschossen worden, seine Mutter habe aber wieder geheiratet, und zwar den Bruder des Vaters; da die Verwandtschaft aber habe annehmen müssen, dass dieser Bruder seinen Bruder bei den Amerikanern denunziert habe, um seine Schwägerin heiraten zu können, hätten die Brüder ihn zu einem Picknick in die Berge bei Meta mitgenommen, wo sie Lacrimi Christi ausgeschenkt, Gorgonzola angeboten und dann erst bemerkt hätten, dass sie das Brot vergessen hatten. Daraufhin hätten sie seine Ohren abgeschnitten und ihn gezwungen, sie zu essen, dann hätten sie auch die Zunge abgeschnitten, ihn mit neunundfünfzig Messerstichen getötet, mit mitgebrachten Äxten in Stücke gehackt und ins Meer geworfen. Seine Mutter habe daraufhin Selbstmord verübt, er selber jedoch sei sehr zufrieden mit der Stelle hier."

Montag, 17. Oktober 2016

Ischia

Liebe ist überall Panflöte. Wenn. Bei Capri.
Anschluss an ein früheres Leben. Irgendwo zwischen IS und Ischias.

Kleine Merkliste: kein Rucksack, keine Gondeln, keine Seilbahn, keine Wanderrouten. Kein Trekking, keine Radtouren. Keine Sauna. Air BnB nur ungern, Hotelzimmer bevorzugt, keine Zelte, kein Camping, kein Glamping, keine Wohnmobile, keine Wohnwagen. Nein, ich will den Namen des Zimmermädchens nicht wissen, auch wenn ich nichts gegen Zimmermädchen habe, klassenmäßig.

Abstieg zum Meer, Tonbandspuren. Die Gärtnerinnung trifft sich zum Herbstfest in den Thermen. Bikinibilder der Teilnehmerinnen. Sprung ins Lotusbecken (40° C), dann entschlossener Kurzmarsch durchs Abklingbecken.

Sie öffnete sich mir, sie drehte sich mir entgegen, das habe ich nicht übersehen. Aber auch nicht ihren Freund, mit dem sie im Psychokrieg lag.

"Ich möchte frei sein und gehen/ zur nächsten Station", auf der grünen Suppe
geht's dahin.

Umso schlimmer für Berlin.


Das Universum bewies ihr, dass ich jemand war - auch wenn es nicht so aussah. Schließlich hatte sie mich eben verlassen. Sie hatte die Trennung still vollzogen, es auslaufen lassen, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Ich erfuhr davon von Freunden. Ich erfuhr den Namen ihres neuen Liebhabers, und musste in einem ungehörten Moment laut schreien. Als ich sie wiedersah, versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich gab mich geschickt. Aber sie blieb distanziert, höflich, freundlich. Irgendwann fasste ich nach ihrer Hand, und sie ließ es gewähren, während sie über Kunst redete und dabei den Namen ihres Neuen fallen ließ. Wie kann sie auf mich verzichten? dachte ich. Hat sie vergessen, wer ich bin? Weiß sie nicht, dass ich einen Namen habe? Wir setzten uns in eine Bar, in ein Restaurant, an eine lange Tafel. Am Kopf der Tafel, uns entfernt gegenüber, saß ein älterer Mann und überlegte, wen er noch auf eine Verstaltung einladen könnte. Von der Seite bekam er meinen Namen eingeflüstert - ich konnte es hören. René Hamann!, sagte er laut und griff zu seinem Handy. Da will ich den mal anrufen! Ich wartete ab. Tatsächlich klingte kurz darauf mein Handy - ich nahm ab und sagte, er könne wieder auflegen, ich sitze ihm genau gegenüber!


Eines Abends waren wir zum Essen verabredet, in einem kleinen italienischen Restaurant. Wir saßen seitlich zueinander, ich streckte die Arme aus, sie zog die Beine zurück. Ich brachte mich mit dem ganzen Körper ein. Sie zog ihren Körper zurück, wie ein submarines Wesen. Also übten wir uns in Smalltalk. Während ich fortwährend ihre Formen musterte. Die Art, wie sie da saß und das Gewicht auf die Zehenspitzen legte, die Ferse anhob und es kurz aussah, als ob sie unsichtbare Absätze hätte. Ihre Waden. Der kurze Moment, in dem sie den Mund öffnete und ihre Zunge sich blicken ließ. Die auf den Kopf gesteckte Brille.

Zuhause hängte ich mir das Filmplakat von »Szenen einer Ehe« übers Bett. Um endlich irgendwann neben ihr zu liegen wie auf diesem Filmplakat. Bärtig, bebrillt, in blütenweißer Bettwäsche.


Samstag, 15. Oktober 2016

Castiglione

Scheinlösungen sind die wahren Lösungen.

Für eine Weile lief uns ein Hund hinterher. Rote Halskette, aber ein sogenannter wilder. Irgendwann gab er es auf. Katzen wenige, aber mit wilden Hunden scheint es ein kleines Problem zu geben hier.

Mit dem Bus einmal um die Insel herum: spilling guts. Vollgepackte Busse, die Schlangen von Taxen hinter sich herziehen, die ganze Insel ist nicht auf den Beinen, sondern auf vier Rädern unterwegs, überholen ist eher schlecht. Am Straßenrand später: Katzenleiche. Kaum Pools, aber die Insel hat sich auf Thermalbäder spezialisiert. Die Frage ist, was war zuerst da. Das eine Thermalbad, das dann Metastasen bildete. Oder die Nachfrage der Touristen. Oder die findige Idee eines Tourismusministers.

Wir haben irgendwann aufgehört, schon recht schnell, unser Ticket zu entwerten.

Please respect our decadence. Dort, wo es reich sein will, ist es nur "reich": alles sieht nach der kitschigen Idee von Reichtum aus, den Nicht-Reiche (um nicht Arme zu sagen) haben. Aber die sozialen Unterschiede sind nicht so krass hier. Niemand hat Pools. Und jede 500m wartet ein Thermalbad. Mit Meerwasser oder ohne.

Die Toten, die Todesfälle stehen hier nicht in der Zeitung, sondern werden plakatiert. Gilt nicht für Katzen. Auch nicht überliefert ist, ob die Katzen oder wilden Hunde dann als Roadkill auf den Grills landen.

Hafenrestaurant. Auf gleicher Ebene mit dem Wasser.
Frauen, die ihre Pumps nur vom Taxi bis zur Yacht tragen (können).
Über die Hafenreling suppendes Wasser, weil wahlweise Vollmond oder Sprungtide oder Wind, der das Wasser in den Hafen drückt, oder zu schwere Pötte in demselben.
Sascha Hehn kommt die Gangway herunter, natürlich mit dem Pullover über dem Hemd zusammengebunden.
Mann schaut der Begleitung kühn in den Ausschnitt, Begleitung ist auch nur ein viertel so alt. Der Gitarrero, der Hafenbarde, der Sänger mit der Klampfe singt über übertragbare Geschlechtskrankheiten und Analsex, weil, versteht ja eh keiner.
Cazzo di ferro!
Der Tintenfisch (polpo) war leider etwas schuhig. Chewy, that is.
Das Posche wurde mit dem Banalen verbunden: Das angus beef habe ich mit Pommes Frites bestellt, Extrateller mit Majonäse- und Ketchup-Tütchen inklusive. In jedem Sinne medium.



Wer hat in meinen Kaffee gespuckt? Wer hat das Filmmaterial gesichtet, die Hardware? Die Geräusche stimmen nicht. Es ist mir nicht möglich, ein normales Gefühl zu ihnen zu gewinnen. Das Leben kommt mir dazwischen. Es ist eine Art Brunnen, ein Strudel, durch den man durch muss, um in eine andere Erlebniswelt, an die Küste, ins Wildwasser zu geraten. Aber wir sitzen immer noch und vergleichen unsere Einkäufe. Schönes, frisches Plastik, das gut riecht. Und draußen stehen die anderen, musikverstöpselt, mit sturmfreien Frisuren. Menschen an den Bushaltestellen des Weltbürgerkriegs, ohne Reibungsverluste, mit den richtigen Parastrukturen, weil sie ja alle vorher an den richtigen Stellen lachen, und warten alle auf den Bus wie auf den Messias. Da kommt auch schon eine neue Busladung Intensivleserinnen, die sich auf offener Straße von ihren Freunden getrennt haben, und nach der bekannten Sechs-Blöcke-Regel im Umkreis von einem Kilometer nichts Negatives über sie sagen dürfen. Bemalte Frauen, die Akkordeonordner unter die Arme geklemmt. Mein Begehren hat Löcher. Es ist Herbst im August, jemand hat den Sommer gestohlen. Ein Mann, Halbglatze, circa 50, mit kleinem Wohlstandsbauch, aber der Körperhaltung eines kleinen, unschuldigen Jungen, steigt aus dem Bus. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, auf dem in weißen Lettern »Post-Nothing, Pre-Everything« steht. Ein Junge, vielleicht 12, folgt ihm. Auf seinem T-Shirt steht in noch größeren Buchstaben: »Goals don't lie«. Recht haben beide.


Donnerstag, 13. Oktober 2016

Casamicciola

Meer, großflächig.

Posh holidays. Jacuzzi im Garten. Blick auf abgehende und ankommende Fähren.
Junge Italiener, die im Auto dreimal um die Insel fahren - nichts geht hier ohne Auto, anscheinend, eine feste Autokultur. Unser Gastgeber will uns vom Hafen abholen und zum Restaurant fahren, das zwanzig Minuten fußläufig entfernt ist.

Meine Kamera macht Flecken.

"Dieses Geklimper, ist das Chopin?"
"Chopin, klar. Geklimper ist immer Chopin."


Die Maschine sieht hellgrau aus, ich erkenne sie von weitem, sie deckt sich mit dem Himmel, sie trägt eine Leuchtschrift an der Seite, die ich aus der Entfernung natürlich nicht lesen kann. Ich steige aus dem Taxi und senke den Blick. Ich betrete die Flughafenhalle und verhalte mich unauffällig. Ich sehe ein Szenemädchen, das auf ihrem Koffer sitzt. Einchecken, Passkontrolle, neue Leuchtschrift, gleichfalls unleserlich. Kurz vor dem Flug suche ich die Toiletten auf. Stechende Spiegel, unerbittliches Licht, dabei ungut bedudelt werden, Bob Dylan als Orchestermusik, Musik für Flughäfen. Die Schönheit der Schrift und die Schönheit eines Flugs. Der Geruch nach Kerosin. Die Förmlichkeit einer Flugbegleitung. I can see it's raining, singt mir Edith Frost ins Ohr, während der Paxenbus durch den Wüstenbeton zur Maschine schleicht.


Regentagsfrauen Nr. 12 & Nr. 35. Natürlich kramt jetzt jeder seine Lieblingsstücke von Bob Dylan raus. Ich saß am Telefon, bereit für DeLillo eine schnelle Seite in den Rechner zu kloppen, und dann das. Die schwedische Akademie im Livestream, und das erste, was ich hörte, war eine blasse Frauenstimme, die den Namen "Bob Dylan" sagt. Von sich gibt. Was hat Bob Dylan mit Literatur zu tun? Sollen wir jetzt alle wieder verstärkt auf Songtexte achten? Vielleicht keine so schlechte Idee, lautet mein zweiter Gedanke dazu. Aber führt das nicht irgendwie auch zum Nobelpreis für Nick Cave? Zum Friedensnobelpreis für Bono? Aber ich würde mich nicht mehr so allein fühlen, alle sollten gesteinigt werden, jetzt erst recht.

Spaziergang, Busfahrt, ich habe mir Espandrillos gekauft, mit denen ich sehr glücklich bin.
Therme, Therme, überall Therme. Aber: Badekappenpflicht. Autos, kleine, vollgestopfte Linienbusse. Deutsche mit Nordic Walking Stöcken, die sich doch als Italiener entpuppen. Verlorene Ehepaare, verlorene Ehen mit vollen Schweigestunden und festen Absprachen.
Am Strand war ich nu auch schon - und ich habe jemanden schwimmen gesehen.
Tag 2 von 11.




Dienstag, 11. Oktober 2016

Endloser Beginn

Im Radio läuft klassische Musik. Man kann Räume beschreiben, aber keine Schmerzen. Die Frage ist: Am Pol der Ohnmacht, kann es da einen Glanz geben? Zu verhandeln ist auch der unbedingte Zusammenhang von Geld und Text. Die Beschriftung der Fassaden. Die verlorene Blickrichtung. Die psychotische Angst vor Selbstauslöschung, die rational zu bekämpfen ist. Die antibürgerlichen Lebensstile: Und wenn das nicht geht, und ich sehe, es geht nicht (oder kaum), wenn man nicht ein Glanz ist, dann will man eben wenigstens das Beste, wenn es denn die Bürgerlichkeit sein soll. Solange man dieses Beste nicht gefunden hat, irrt und pendelt man herum zwischen den Polen, zwischen Größenwahn und Kleinsucht, zwischen Einsamkeit und Donjuanismus, zwischen allen Optionen und keiner wirklichen. »Es gibt keine Antworten, nur Alternativen.« Oder wie Marilyn Monroe gesagt hat: »Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen.«


Prominente sollten keine Kinder bekommen, denn sie sind auf immer gezeichnet. Wayne Carpendale wird nie etwas anderes sein als der Sohn von Howard. Am Schlimmsten ist es, wenn die Promisöhne und die Promitöchter aussehen, wie ihren Eltern aus dem Gesicht geschnitten. Man denke nur an die Söhne von Helmut Kohl.

Wann hast du aufgehört zu erröten, wenn du dich mit deinem Pseudonym vorgestellt hast?
Der endlose Beginn. Verlassene Kirchen. Vielleicht sollte ich aufhören, Nachrufe zu lesen.

"Frantz": der beste Ozon, seit es ihn gibt. Schöner Film, der mich auch über eine Reise nach Quedlinburg nachdenken lässt. Es gäbe viel mehr dazu zu sagen, aber das braucht Zeit.

Er lag neben einer leibhaftigen Kuh. Die Kuh atmete. Sie schlief. Sie war wulstig und feist. Oder war das noch ein Teil des Rauschs? Unklar.


In Evidenz nehmen. Es gab eine Situation, da hätte ich am liebsten das Display meines Handys fotografiert. Ging aber nicht.

"Es macht mich traurig, dass ich nicht mit Ihnen vögeln darf."
"Bleibt zusammen, bis ihr euch versteht und liebt."

"Sehen Sie, Richard ist nicht allein - er lebt in einer Welt voller Aufsteiger, in der man sich wie ein Versager fühlt, wenn man nicht ebenfalls aufsteigt. In einer Welt, in der es nur um Reputation geht. Sie sind ein älterer Mensch (...) und Sie wissen nicht, wie es ist, heutzutage jung zu sein. (...) Es ist wahrscheinlich lange her, dass Sie Kontakt mit Menschen hatten, die noch nicht fest in ihrem beruflichen Leben verankert sind. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man in einer Welt, in der Reputation alles bedeutet, seine Reputation noch nicht gefestigt hat."
Ph. Roth: Exit Ghost, S. 133

Sonntag, 9. Oktober 2016

Unter Schmerzen

Glas.

Einteilung der Töpfe, und immer die Angst, dass die Brüste nicht richtig sitzen. Aber nein, sie hat eine gute Figur. Ich wende mich wieder K. zu. Woran denkt sie, wenn sie mir schreibt, sie denke an mich? Denkt sie an Sätze, die ich gesagt habe? Denkt sie über mögliche Abenteuer nach? Oder an das Jahr, in dem wir nicht miteinander geschlafen haben? Worüber schreibst du, möchte sie jetzt wissen. Ich schreibe über eine Zukunft, die wir nicht miteinander haben, könnte eine mögliche Antwort sein. Eine traurige Zukunft. Das sage ich dann. Weil, das könnte interessant klingen. Wie ein Science Fiction. Unendliche Langsamkeit, Raumschiffe in Zeitlupe. Ein kalt durchseeltes Weltall. Aber vielleicht ist es die Gegenwart, die ich meine. Wart und Gegenwart. Denn auch nach vorne, in die Zukunft gewandt, ist diese Zeit von Bedeutung. Hier und jetzt würde sich alles entscheiden. Von dieser Passage würde alles abhängen.

She's a goer. Sie genehmigt sich einen 15-Dollar-Cocktail. Im Anschluss nimmt sie einen für zwölf. Während sie neben mir sitzt, nähert sich auf den Straßen der Vorstadt der Verehrer, den sie per SMS und Fort/Da-Taktik hergelockt hat. Die Ablösung. Nur wird dann doch zu oft versucht, das Bein zu tätscheln. Da sie mit nackten Beinen herumläuft, schaue ich mir von meinem Barhocker aus ihre Kniekehlen an, als sie in den hinteren Bereich verschwindet.

Die Situation ist immer noch dieselbe. Da kommt sie von der Toilette und lächelt sich ansatzlos wieder ins Gespräch zurück.


Kranke Musik. Wilco: Yankee Hotel Foxtrot. Weezer: Pinkerton. Das Loch stopfen. Die Grundkenntnis ist gefunden: Da ist ein Loch, und es wird niemals zu stopfen sein. Immerhin weiß ich das jetzt. Und kann zusehen, das Parallelloch, die Lochkopie im Realen zu stopfen.

"Sie stolpern von einer Verliebtheit in die nächste. Wenn Sie ein wenig Diplomatie gebrauchen, wird ihr Liebesnetz halten", sagt das Horoskop.

Thomas Melle:
"Dieser megalomanische Boulevard der Superstars (...) offenbart natürlich eine Fixiertheit auf Berühmte und Prominente (...) Eine seltsame Eitelkeit spricht daraus, eine Sehnsucht auf Zugehörigkeit und Größe.
In der Jugend standen in meiner unmittelbaren Umgebung zunächst keine Vorbilder zur Verfügung, es war einfach alles eng und klein und furchtbar, also mussten sie aus der Ferne herbeigeschafft werden, die Vorbilder, die Stars (...) und das Ferne in den Büchern war ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft, ein Raum, der mir offenstand, ein Weg aus der Enge dieser Unmittelbarkeit. Denn die Künstler hatten aus ihren Schwächen und Beschränktheiten doch selbst etwas anderes, etwas Öffnendes, über sich selbst Hinausweisendes gemacht..."

Ich gehe auf Wasser herum, ich mag nicht, wenn Leute einsteigen.

"When in hole, stop digging." 

So dilatorisch.

Die Übertragungswagen glänzten in der Mittagssonne. Die Frequenzen waren klar und rein. Ein Duft nach Kaffee und Brause zog über den Platz. Die Mikrofonierung wurde per Handzeichen für abgeschlossen erklärt.

Sendeminuten verstrichen. Dann trat die Schauspielerin in einem purpurroten Kleid und in dunkelroten Schuhen mit Absätzen das Podium und verlas eine Erklärung des Ministeriums für Aufklärung. Sie verlas sie mit Schauspielerinnenstimme. Ein glitzerndes Fahrzeug hielt auf Höhe der Bühne, umringt und freigestellt von Uniformierten, eine Tür hob sich. Es wurde kurz etwas hektisch, die technischen Mitarbeiter machten Handzeichen, die M. nicht lesen konnte, er beendete das Ferngespräch mit Emma, die Übertragung fand längst statt. Die Schauspielerin beendete ihre Rede, lächelte ins Ungewisse, matter Applaus erklang, dann kam von irgendwoher Musik.

Der Himmel war klar und ungetrübt, als Frederic erschien und auf die Bühne zulief, während sich ein ranghoher Funktionär aus dem Glitzerfahrzeug schälte und eine behandschuhte Hand nach draußen hielt, die von einer Funktionärin geschüttelt wurde. Frederic ließ sich nicht beirren, jetzt war er dran, sein Gesicht war versteinert, sein Schritt entschlossen wie der eines wütenden kleinen Jungen. Er rauschte an dem Funktionär vorbei und betrat die Bühne, um ein offenes Wort aus, wie er sagte, dem Munde eines Geschäftsmanns und Mitarbeiters der städtischen Börse auszusprechen.

"Die Ausbeutung ist total", sagte er, dann folgte eine Kaskade von Sätzen, die kaum jemand verstand.


Freitag, 7. Oktober 2016

Soldier of Love

Sugar electrician
Dauerstrom, Ader kaputt

Aufruhr der Haushaltswaren
Ich will eine fertige Welt

Das Recht auf ein karriereloses Leben, kurz gesagt
Bürgerablage, jenseits von Totenzahlen

Stauraumschiffe, versoffene Sonntage
Das Gemachtsein der Welt

Wir sind ohne Nachricht, da gibt es
eine Aussageschere, blattmacherisch

Wir ließen das Forsthaus zurück. Zwei Bilderbuchfamilien ersetzten uns. Eine Zwölfjährige hatte noch von ihrer ersten E.-A.-Poe-Lektüreerfahrung erzählt. Es ging um Kannibalismus, glaube ich. Während dieser paar Tage hatte ich ständig Verdauungsprobleme. Zwei warme Mahlzeiten pro Tag und der übliche Feierabendunsinn. Ich habe auch mal wieder ein Kilo zugenommen. Ich habe seit Tagen in keinen Spiegel gesehen.

Mir gelang ein Foto. Kirsten Dunst setzte sich auf mein Gesicht. Wie eine Wespe. "Zu nackt fürs Vaterland." Später richtete sich ein ganzer See nach ihr (sie war als Einzige im Wasser). Man liest ihren Namen auf Barkassen, auf Gedenktafeln. Diskretionen vs. Quäkquellen. Als wir flach im Kornfeld lagen, ordentlich bekifft, und Änderung so möglich schien, ein Indieluftsprengen der dörflichen Welt. Daran erinnerte ich mich. An Narrenkappenträger in den Nachtbars in der Sommerzeit. Damals, bevor uns die Maschinen kriegten.

"Die Maschinen stehen woanders."

Über der Kleinstadt ging ein Gewitter herunter, während wir unter dem Dach der kleinen Bushalte saßen und auf den Rufbus warteten, der dann ein Taxi war und uns für zwei Euro zum Bahnhof brachte. Dem Fahrer fehlten Kleingeld und ein guter Blick für die eigene Körperpflegebedürftigkeit. Wir sahen dem wackelnden Wald zu und schwiegen die Fahrt über. Wir fuhren zurück, endlich. Hinter Angermünde öffnete sich der Himmel. Wir fuhren zurück, in eine Stadt voller Taxis.

Die Welt ist groß, aber kleinteilig.



Es fehlt eine Geschichte. Die von der Amnesie nach der durchrauschten Nacht. Eine weitere Nacht mit vielen Intoxikationen, eine Nacht in einer Bar ohne Filter, mit Sternschnuppen, mit gedämpften Frühlingsgefühlen. Jedenfalls, zu merken war nicht viel, viele Gläser, viel Gespräche, ein Zucken in den Augenlidern, ein Blick wie aus einem Wäschekorb, und irgendwann stand ein Taxi an der Straße.

Die Lichter der Großstadt, die über die Heckscheibe wandern. Ein französischer Film. Eine bewusstlose Nacht. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon. Ein Körper, der die Decke zur Seite schlägt und Schritte macht. Eine Tür wird geöffnet. Ein Gespräch angenommen. Der ideologische Staatsapparat ist dran. Zu hören sind nach ein paar Floskeln und Formeln weiter nichts als ein Rums und das Geräusch des Auflegens. Und dann fiel die gesamte Gedächtnisleistung aus. C'est pas vrais, doch, genau so.

Erst jetzt entdeckt: Stefan Schmitzers Sammelrezension von Literatur-Quickie-Heften, darunter "Der Silberpudel". Hier.




Mittwoch, 5. Oktober 2016

5. Oktober

Beginn der Heizperiode.
Stromableser, Künstlersozialkasse, Finanzamt. Behörden, die Geld wollen.
Du kannst dich nicht entscheiden, sagte sie. Ich hatte Glück, sagte ich. Ich habe mein Herz im Koffer vergessen.

Der überklebte Andruck.
Der Boiler surrt wie ein Fön.

Zwei zu schreibende Bücher:
Sophie im Wendland, Kinderbuch. Unter schönen Frauen, Roman.

Eine lange Autofahrt, eine winterliche Nacht auf einem Doppelstockbett in einem Sechsbettzimmer, Lübeck im Februar. Reste von Schnee. Das Meer irgendwo unsichtbar im Hintergrund. Das hatten wir uns anders gedacht. Wir machten Liebe auf diesem Stockbett, oberes Geschoss, etwas seltsam, aber innig und bewegt. Ich dachte bei dem guten Frühstück unten im Café, dass ich einer Verschwörung aufgesessen war. War ich auch. Ahnungslos. Wir fuhren wieder ab, wollten das Meer woanders suchen. Noch ein Foto vom Autor als jungen Mann vor dem Holstentor, mit dem Buch "Der Tod in Venedig" in der Hand, dann los.

Er wollte, dass sie mich verlässt
Ich wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass er wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass ich mich verlasse
Ich wollte, dass er sie verlässt

Er, Sie, Es


Macht hat uns noch nie interessiert, sagt der Regieassistent, wir sind der Macht immer ausgewichen, und ich nicke seinen Satz ab, denke aber gleichzeitig: Ja, aus dieser Gedankenwelt komme ich auch, mit diesem Theweleit/Kristl-Zitat im Kopf, »auf dass die Macht den Menschen eines Tages langweilig werde« oder so ähnlich, aber die Wahrheit ist, neben all der Machttheorie, die um diesen Satz eingreifen wollend herum schwebt, dass der Satz so nicht mehr zutrifft, denn natürlich interessiert uns die Macht, hat uns bereits früh interessiert, nur in einer Form negativer Übertragung, also als Macht, die wir spürten, weil wir sie selbst nicht hatten, wofür wir die Macht verachtet haben; wir haben die Macht dafür verachtet, dass sie sich anderswo, bei anderen, von uns aus gesehen minderen Menschen sammelte, falschen Menschen, Menschen mit den falschen Ansichten, auch zur Macht selbst, usw. – Also, die Macht hat uns schon damals interessiert, als Abwesenheit, als Leerstelle, die dann endlich zu füllen war. Das gilt auch für den Regieassistenten selbst: Auch er hat eine Macht, wenn auch eine vergleichsweise kleine, und er hat sie auf welchen Wegen auch immer bekommen, und will sie möglichst behalten, und so möchte auch ich meine Macht bekommen, meinen Raum, der mir zusteht. Der innere Raum, der fehlt. Das erklärt auch die endlose Suche – nicht nur die nach der verlorenen Zeit (meine Finger wollen »verloren« mit F schreiben: »Die Suche nach der ferlorenen Zeit«), sondern nach dem verlorenen, vielleicht nie gehabten Raum. Ein Raum für mich. Ein Raum, der mir gehört. Ein Raum, in dem ich sprechen kann. Ein Raum, dessen Wände mir zuhören. Ein heiliger Raum.


Montag, 3. Oktober 2016

Die Waffe des austretenden Hundeführers

Die Waffe des austretenden Hundeführers. Ferner wilder Himmel, Sand zwischen den Zähnen, eine Blume im Anschlag. Goldstreif, Wehmut, Differenzen.

Ich mache mir einen Kaffee und finde sie in der unteren Ablage. Eine Gelegenheit, sich die Kugel zu geben, ist mir diffus bewusst. Ein seltsames Gefühl. Aber ich fasse die Waffe nicht an.

Der Radiosender spielt Heavy Metal Musik. Der Hundeführer ist von seiner Runde zurück und löst Kreuzworträtsel. Von der Musik fallen dir doch die Eier ab, sagt er nach einer Weile.

Der schwule Kollege, der mich ablöst, oder den ich ablöse. Die versteckten Schmuddelhefte in der Ablage, in der eben noch die Waffe des austretenden Hundeführers war. Eingeölte Schwänze, gänzlich unerigiert. Ich bin Zeuge eines leeren Herzens, alles zieht.

Ich frage mich, wen unerigierte Schwänze interessieren. Klar, es gibt da diesen Paragraphen, der die Gradzahl der Erektion reguliert. Aber so unerigiert?

Bitte lehne dich doch da an den Baum.

"Heavy Metal Drummer". Das Lied existiert ganz unabhängig von der persönlichen tragischen Geschichte, die ich mit ihm verbinde. Ich mochte es auch ohne die Geschichte.

Thomas Melles neuen Roman zu lesen ist hart.

Komplimentiert: Mund (von K.)
Komplimentiert: Bekleidung (von Ch.)
Komplimentiert: Ohr (von L.)

In der S-Bahn neben Ch. mit einer Flasche Wasser in der Hand. Kurz ausgeübter situativer Witz: Ich simuliere einen Wet-T-Shirt-Contest. Seltsamer Moment.

Plötzlich hereinbrechende Dunkelheit, und irgendwas ist ein paar Stehplätze von meiner Hängematte entfernt, in Richtung Kantine, aber so wichtig, dass ich da jetzt unbedingt hin muss.

D. stand an eine Stütze gelehnt, unter einem Lautsprecher, und zog sich mithilfe einer im Licht glänzenden Pinzette etwas in die Nase. Die Mitarbeiter der Sicherheit beachteten ihn nicht, sie standen in den entsprechenden Jacken an der Seite des Platzes, der sich nur allmählich füllte, für ein größeres Publikum war das Programm entweder nicht ansprechend genug, oder irgendeine Desinformation, mögliche Drohnenangriffe betreffend, hatte für Verwirrung gesorgt.

Es sollte seine Sorge nicht sein, für ihn war der Auftrag klar. Er schwitzte, wischte sich den Schweiß ab, machte ein ausdrucksloses Gesicht, gab sich lässig. Es gab einen Freiraum, während sich die Abläufe abspulten.

Emma meldete sich. Ungünstiger Zeitpunkt. M. blinzelte in die Sonne, stotterte in sein Sprechgerät, schaute kurz Hilfe suchend in D.s Gesicht, aber da fand sich nichts. Emmas schreiende Einsamkeit kam ihm nicht unbedingt einladend vor, ihre abwartend aggressive Art, eine Einladung für den Abend auszustellen, leicht genervt sagte er zu.

In diesem Moment schritt eine mächtige Schauspielerin vorbei und strebte in Richtung Bühne. D. blickte etwas neidisch, während er sich die Nasenflügel kratzte.


Samstag, 1. Oktober 2016

Ja. Chérie

Die eine Stelle lobt meinen Stil und sagt, das wisse ich doch bestimmt, dass ich gut schreiben könne. Die andere Stelle, selbes Haus, wirft allerhöchstens einen nachlässigen Blick auf mein Skript und schreibt eine Absage.

Als sie sagt, des Morgens, auf der Matratze, hinter dem Kleiderchaos, während ich mir ein Schlafshirt suche und in dem Kleiderberg nur Hemden finde, weshalb ich also ein Hemd anziehe, also als sie sagt, dass sie sich nicht sicher sei, ob das hier was Ernsthaftes werden könne, werfe ich ihr etwas an den Kopf, was ein Heft sein könnte oder ein E-Bookreader in einem Schuber, und dann sage ich, das sollte sie sich aber mal langsam überlegen, und zwar schnell, weil ich hier schon ziemlich drinhänge, wobei ich letzteren Satz nicht zu Ende spreche.

Wenig später kann ich fliegen. Ich fliege um mein Elternhaus und das meiner Großmutter herum. Zum Fliegen brauche ich allerdings ein Hilfsmittel, das ich mir unter die Arme klemmen muss. Ein rotes Irgendwas. Ich fliege einen Turm hoch, wobei es schwieriger wird, je höher ich komme. Ich sehe Fußballplätze, Bolzplätze, die jetzt Neubausiedlungen gewichen sind.


"'Gute Gefühle', sagt Gide, 'bringen schlechte Literatur hervor'; aber gute Gefühle bringen hervorragende Einschaltquoten. Es wäre der Mühe wert, einmal über den Moralismus der Fernsehleute nachzudenken: Oft genug Zyniker, sind sie in ihren Äußerungen zu moralischen Fragen doch unwahrscheinlich konformistisch. Unsere Nachrichtensprecher, Moderatoren, Sportreporter haben sich zu Moralaposteln entwickelt; mühelos schwingen sie sich zu Verkündern einer typisch kleinbürgerlichen Moral auf, die bestimmen, 'was zu halten ist' von dem, was sie die 'Probleme der Gesellschaft' nennen (...) Dasselbe gilt für Kunst oder Literatur: Die sogenannten literarischen Sendungen, gerade die bekanntesten, fördern die etablierten Werte, den Konformismus und Akademismus oder auch das, was gerade hoch im Kurs steht, und zwar tun sie dies immer dienstfertiger."
Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen

"Kräuselmeier war auch ein Weiberheld, und es ist ja nichts Neues, dass silberstrümpfige Buchhändlerinnen auf Intellektuelle eine spezielle Anziehungskraft ausüben."
Schröder & Kalender: Kriemhilds Lache

Stimmt, das Schmatz. Auch lange nicht mehr gesehen.


Ein lang gezogener, offener Platz. Eine Bühne am Kopfende, umstellt von künstlichen Pflanzen. Betonkübel zum Sitzen. Keine Tauben. Ein altmodisches Glockenspiel, das an einer auf barock gemachten Fassade klemmte und stündlich die schräge Melodie eines antiquierten Arbeiterliedchens bimmelte. Der Schatten eines Hubschraubers, der sich langsam über das Pflaster bewegte. An den Flanken des Platzes herumbrausende Fahrzeuge. Menschen auf Rädern. Hotels in Reichweite, aber keine Touristen. Die Mitarbeiter stiegen aus und eilten auf ihre Positionen. Die anwesenden Bettler sprachen sie persönlich an. Sie nannten sie bei Namen. Sie sprachen Platzverweise aus.

Eine wichtige Meldung folgte: Bitte filmen Sie auch die Gesichter der Menschen, die weinen.