Montag, 17. Oktober 2016

Ischia

Liebe ist überall Panflöte. Wenn. Bei Capri.
Anschluss an ein früheres Leben. Irgendwo zwischen IS und Ischias.

Kleine Merkliste: kein Rucksack, keine Gondeln, keine Seilbahn, keine Wanderrouten. Kein Trekking, keine Radtouren. Keine Sauna. Air BnB nur ungern, Hotelzimmer bevorzugt, keine Zelte, kein Camping, kein Glamping, keine Wohnmobile, keine Wohnwagen. Nein, ich will den Namen des Zimmermädchens nicht wissen, auch wenn ich nichts gegen Zimmermädchen habe, klassenmäßig.

Abstieg zum Meer, Tonbandspuren. Die Gärtnerinnung trifft sich zum Herbstfest in den Thermen. Bikinibilder der Teilnehmerinnen. Sprung ins Lotusbecken (40° C), dann entschlossener Kurzmarsch durchs Abklingbecken.

Sie öffnete sich mir, sie drehte sich mir entgegen, das habe ich nicht übersehen. Aber auch nicht ihren Freund, mit dem sie im Psychokrieg lag.

"Ich möchte frei sein und gehen/ zur nächsten Station", auf der grünen Suppe
geht's dahin.

Umso schlimmer für Berlin.


Das Universum bewies ihr, dass ich jemand war - auch wenn es nicht so aussah. Schließlich hatte sie mich eben verlassen. Sie hatte die Trennung still vollzogen, es auslaufen lassen, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Ich erfuhr davon von Freunden. Ich erfuhr den Namen ihres neuen Liebhabers, und musste in einem ungehörten Moment laut schreien. Als ich sie wiedersah, versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich gab mich geschickt. Aber sie blieb distanziert, höflich, freundlich. Irgendwann fasste ich nach ihrer Hand, und sie ließ es gewähren, während sie über Kunst redete und dabei den Namen ihres Neuen fallen ließ. Wie kann sie auf mich verzichten? dachte ich. Hat sie vergessen, wer ich bin? Weiß sie nicht, dass ich einen Namen habe? Wir setzten uns in eine Bar, in ein Restaurant, an eine lange Tafel. Am Kopf der Tafel, uns entfernt gegenüber, saß ein älterer Mann und überlegte, wen er noch auf eine Verstaltung einladen könnte. Von der Seite bekam er meinen Namen eingeflüstert - ich konnte es hören. René Hamann!, sagte er laut und griff zu seinem Handy. Da will ich den mal anrufen! Ich wartete ab. Tatsächlich klingte kurz darauf mein Handy - ich nahm ab und sagte, er könne wieder auflegen, ich sitze ihm genau gegenüber!


Eines Abends waren wir zum Essen verabredet, in einem kleinen italienischen Restaurant. Wir saßen seitlich zueinander, ich streckte die Arme aus, sie zog die Beine zurück. Ich brachte mich mit dem ganzen Körper ein. Sie zog ihren Körper zurück, wie ein submarines Wesen. Also übten wir uns in Smalltalk. Während ich fortwährend ihre Formen musterte. Die Art, wie sie da saß und das Gewicht auf die Zehenspitzen legte, die Ferse anhob und es kurz aussah, als ob sie unsichtbare Absätze hätte. Ihre Waden. Der kurze Moment, in dem sie den Mund öffnete und ihre Zunge sich blicken ließ. Die auf den Kopf gesteckte Brille.

Zuhause hängte ich mir das Filmplakat von »Szenen einer Ehe« übers Bett. Um endlich irgendwann neben ihr zu liegen wie auf diesem Filmplakat. Bärtig, bebrillt, in blütenweißer Bettwäsche.


Samstag, 15. Oktober 2016

Castiglione

Scheinlösungen sind die wahren Lösungen.

Für eine Weile lief uns ein Hund hinterher. Rote Halskette, aber ein sogenannter wilder. Irgendwann gab er es auf. Katzen wenige, aber mit wilden Hunden scheint es ein kleines Problem zu geben hier.

Mit dem Bus einmal um die Insel herum: spilling guts. Vollgepackte Busse, die Schlangen von Taxen hinter sich herziehen, die ganze Insel ist nicht auf den Beinen, sondern auf vier Rädern unterwegs, überholen ist eher schlecht. Am Straßenrand später: Katzenleiche. Kaum Pools, aber die Insel hat sich auf Thermalbäder spezialisiert. Die Frage ist, was war zuerst da. Das eine Thermalbad, das dann Metastasen bildete. Oder die Nachfrage der Touristen. Oder die findige Idee eines Tourismusministers.

Wir haben irgendwann aufgehört, schon recht schnell, unser Ticket zu entwerten.

Please respect our decadence. Dort, wo es reich sein will, ist es nur "reich": alles sieht nach der kitschigen Idee von Reichtum aus, den Nicht-Reiche (um nicht Arme zu sagen) haben. Aber die sozialen Unterschiede sind nicht so krass hier. Niemand hat Pools. Und jede 500m wartet ein Thermalbad. Mit Meerwasser oder ohne.

Die Toten, die Todesfälle stehen hier nicht in der Zeitung, sondern werden plakatiert. Gilt nicht für Katzen. Auch nicht überliefert ist, ob die Katzen oder wilden Hunde dann als Roadkill auf den Grills landen.

Hafenrestaurant. Auf gleicher Ebene mit dem Wasser.
Frauen, die ihre Pumps nur vom Taxi bis zur Yacht tragen (können).
Über die Hafenreling suppendes Wasser, weil wahlweise Vollmond oder Sprungtide oder Wind, der das Wasser in den Hafen drückt, oder zu schwere Pötte in demselben.
Sascha Hehn kommt die Gangway herunter, natürlich mit dem Pullover über dem Hemd zusammengebunden.
Mann schaut der Begleitung kühn in den Ausschnitt, Begleitung ist auch nur ein viertel so alt. Der Gitarrero, der Hafenbarde, der Sänger mit der Klampfe singt über übertragbare Geschlechtskrankheiten und Analsex, weil, versteht ja eh keiner.
Cazzo di ferro!
Der Tintenfisch (polpo) war leider etwas schuhig. Chewy, that is.
Das Posche wurde mit dem Banalen verbunden: Das angus beef habe ich mit Pommes Frites bestellt, Extrateller mit Majonäse- und Ketchup-Tütchen inklusive. In jedem Sinne medium.



Wer hat in meinen Kaffee gespuckt? Wer hat das Filmmaterial gesichtet, die Hardware? Die Geräusche stimmen nicht. Es ist mir nicht möglich, ein normales Gefühl zu ihnen zu gewinnen. Das Leben kommt mir dazwischen. Es ist eine Art Brunnen, ein Strudel, durch den man durch muss, um in eine andere Erlebniswelt, an die Küste, ins Wildwasser zu geraten. Aber wir sitzen immer noch und vergleichen unsere Einkäufe. Schönes, frisches Plastik, das gut riecht. Und draußen stehen die anderen, musikverstöpselt, mit sturmfreien Frisuren. Menschen an den Bushaltestellen des Weltbürgerkriegs, ohne Reibungsverluste, mit den richtigen Parastrukturen, weil sie ja alle vorher an den richtigen Stellen lachen, und warten alle auf den Bus wie auf den Messias. Da kommt auch schon eine neue Busladung Intensivleserinnen, die sich auf offener Straße von ihren Freunden getrennt haben, und nach der bekannten Sechs-Blöcke-Regel im Umkreis von einem Kilometer nichts Negatives über sie sagen dürfen. Bemalte Frauen, die Akkordeonordner unter die Arme geklemmt. Mein Begehren hat Löcher. Es ist Herbst im August, jemand hat den Sommer gestohlen. Ein Mann, Halbglatze, circa 50, mit kleinem Wohlstandsbauch, aber der Körperhaltung eines kleinen, unschuldigen Jungen, steigt aus dem Bus. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, auf dem in weißen Lettern »Post-Nothing, Pre-Everything« steht. Ein Junge, vielleicht 12, folgt ihm. Auf seinem T-Shirt steht in noch größeren Buchstaben: »Goals don't lie«. Recht haben beide.


Donnerstag, 13. Oktober 2016

Casamicciola

Meer, großflächig.

Posh holidays. Jacuzzi im Garten. Blick auf abgehende und ankommende Fähren.
Junge Italiener, die im Auto dreimal um die Insel fahren - nichts geht hier ohne Auto, anscheinend, eine feste Autokultur. Unser Gastgeber will uns vom Hafen abholen und zum Restaurant fahren, das zwanzig Minuten fußläufig entfernt ist.

Meine Kamera macht Flecken.

"Dieses Geklimper, ist das Chopin?"
"Chopin, klar. Geklimper ist immer Chopin."


Die Maschine sieht hellgrau aus, ich erkenne sie von weitem, sie deckt sich mit dem Himmel, sie trägt eine Leuchtschrift an der Seite, die ich aus der Entfernung natürlich nicht lesen kann. Ich steige aus dem Taxi und senke den Blick. Ich betrete die Flughafenhalle und verhalte mich unauffällig. Ich sehe ein Szenemädchen, das auf ihrem Koffer sitzt. Einchecken, Passkontrolle, neue Leuchtschrift, gleichfalls unleserlich. Kurz vor dem Flug suche ich die Toiletten auf. Stechende Spiegel, unerbittliches Licht, dabei ungut bedudelt werden, Bob Dylan als Orchestermusik, Musik für Flughäfen. Die Schönheit der Schrift und die Schönheit eines Flugs. Der Geruch nach Kerosin. Die Förmlichkeit einer Flugbegleitung. I can see it's raining, singt mir Edith Frost ins Ohr, während der Paxenbus durch den Wüstenbeton zur Maschine schleicht.


Regentagsfrauen Nr. 12 & Nr. 35. Natürlich kramt jetzt jeder seine Lieblingsstücke von Bob Dylan raus. Ich saß am Telefon, bereit für DeLillo eine schnelle Seite in den Rechner zu kloppen, und dann das. Die schwedische Akademie im Livestream, und das erste, was ich hörte, war eine blasse Frauenstimme, die den Namen "Bob Dylan" sagt. Von sich gibt. Was hat Bob Dylan mit Literatur zu tun? Sollen wir jetzt alle wieder verstärkt auf Songtexte achten? Vielleicht keine so schlechte Idee, lautet mein zweiter Gedanke dazu. Aber führt das nicht irgendwie auch zum Nobelpreis für Nick Cave? Zum Friedensnobelpreis für Bono? Aber ich würde mich nicht mehr so allein fühlen, alle sollten gesteinigt werden, jetzt erst recht.

Spaziergang, Busfahrt, ich habe mir Espandrillos gekauft, mit denen ich sehr glücklich bin.
Therme, Therme, überall Therme. Aber: Badekappenpflicht. Autos, kleine, vollgestopfte Linienbusse. Deutsche mit Nordic Walking Stöcken, die sich doch als Italiener entpuppen. Verlorene Ehepaare, verlorene Ehen mit vollen Schweigestunden und festen Absprachen.
Am Strand war ich nu auch schon - und ich habe jemanden schwimmen gesehen.
Tag 2 von 11.




Dienstag, 11. Oktober 2016

Endloser Beginn

Im Radio läuft klassische Musik. Man kann Räume beschreiben, aber keine Schmerzen. Die Frage ist: Am Pol der Ohnmacht, kann es da einen Glanz geben? Zu verhandeln ist auch der unbedingte Zusammenhang von Geld und Text. Die Beschriftung der Fassaden. Die verlorene Blickrichtung. Die psychotische Angst vor Selbstauslöschung, die rational zu bekämpfen ist. Die antibürgerlichen Lebensstile: Und wenn das nicht geht, und ich sehe, es geht nicht (oder kaum), wenn man nicht ein Glanz ist, dann will man eben wenigstens das Beste, wenn es denn die Bürgerlichkeit sein soll. Solange man dieses Beste nicht gefunden hat, irrt und pendelt man herum zwischen den Polen, zwischen Größenwahn und Kleinsucht, zwischen Einsamkeit und Donjuanismus, zwischen allen Optionen und keiner wirklichen. »Es gibt keine Antworten, nur Alternativen.« Oder wie Marilyn Monroe gesagt hat: »Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen.«


Prominente sollten keine Kinder bekommen, denn sie sind auf immer gezeichnet. Wayne Carpendale wird nie etwas anderes sein als der Sohn von Howard. Am Schlimmsten ist es, wenn die Promisöhne und die Promitöchter aussehen, wie ihren Eltern aus dem Gesicht geschnitten. Man denke nur an die Söhne von Helmut Kohl.

Wann hast du aufgehört zu erröten, wenn du dich mit deinem Pseudonym vorgestellt hast?
Der endlose Beginn. Verlassene Kirchen. Vielleicht sollte ich aufhören, Nachrufe zu lesen.

"Frantz": der beste Ozon, seit es ihn gibt. Schöner Film, der mich auch über eine Reise nach Quedlinburg nachdenken lässt. Es gäbe viel mehr dazu zu sagen, aber das braucht Zeit.

Er lag neben einer leibhaftigen Kuh. Die Kuh atmete. Sie schlief. Sie war wulstig und feist. Oder war das noch ein Teil des Rauschs? Unklar.


In Evidenz nehmen. Es gab eine Situation, da hätte ich am liebsten das Display meines Handys fotografiert. Ging aber nicht.

"Es macht mich traurig, dass ich nicht mit Ihnen vögeln darf."
"Bleibt zusammen, bis ihr euch versteht und liebt."

"Sehen Sie, Richard ist nicht allein - er lebt in einer Welt voller Aufsteiger, in der man sich wie ein Versager fühlt, wenn man nicht ebenfalls aufsteigt. In einer Welt, in der es nur um Reputation geht. Sie sind ein älterer Mensch (...) und Sie wissen nicht, wie es ist, heutzutage jung zu sein. (...) Es ist wahrscheinlich lange her, dass Sie Kontakt mit Menschen hatten, die noch nicht fest in ihrem beruflichen Leben verankert sind. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn man in einer Welt, in der Reputation alles bedeutet, seine Reputation noch nicht gefestigt hat."
Ph. Roth: Exit Ghost, S. 133

Sonntag, 9. Oktober 2016

Unter Schmerzen

Glas.

Einteilung der Töpfe, und immer die Angst, dass die Brüste nicht richtig sitzen. Aber nein, sie hat eine gute Figur. Ich wende mich wieder K. zu. Woran denkt sie, wenn sie mir schreibt, sie denke an mich? Denkt sie an Sätze, die ich gesagt habe? Denkt sie über mögliche Abenteuer nach? Oder an das Jahr, in dem wir nicht miteinander geschlafen haben? Worüber schreibst du, möchte sie jetzt wissen. Ich schreibe über eine Zukunft, die wir nicht miteinander haben, könnte eine mögliche Antwort sein. Eine traurige Zukunft. Das sage ich dann. Weil, das könnte interessant klingen. Wie ein Science Fiction. Unendliche Langsamkeit, Raumschiffe in Zeitlupe. Ein kalt durchseeltes Weltall. Aber vielleicht ist es die Gegenwart, die ich meine. Wart und Gegenwart. Denn auch nach vorne, in die Zukunft gewandt, ist diese Zeit von Bedeutung. Hier und jetzt würde sich alles entscheiden. Von dieser Passage würde alles abhängen.

She's a goer. Sie genehmigt sich einen 15-Dollar-Cocktail. Im Anschluss nimmt sie einen für zwölf. Während sie neben mir sitzt, nähert sich auf den Straßen der Vorstadt der Verehrer, den sie per SMS und Fort/Da-Taktik hergelockt hat. Die Ablösung. Nur wird dann doch zu oft versucht, das Bein zu tätscheln. Da sie mit nackten Beinen herumläuft, schaue ich mir von meinem Barhocker aus ihre Kniekehlen an, als sie in den hinteren Bereich verschwindet.

Die Situation ist immer noch dieselbe. Da kommt sie von der Toilette und lächelt sich ansatzlos wieder ins Gespräch zurück.


Kranke Musik. Wilco: Yankee Hotel Foxtrot. Weezer: Pinkerton. Das Loch stopfen. Die Grundkenntnis ist gefunden: Da ist ein Loch, und es wird niemals zu stopfen sein. Immerhin weiß ich das jetzt. Und kann zusehen, das Parallelloch, die Lochkopie im Realen zu stopfen.

"Sie stolpern von einer Verliebtheit in die nächste. Wenn Sie ein wenig Diplomatie gebrauchen, wird ihr Liebesnetz halten", sagt das Horoskop.

Thomas Melle:
"Dieser megalomanische Boulevard der Superstars (...) offenbart natürlich eine Fixiertheit auf Berühmte und Prominente (...) Eine seltsame Eitelkeit spricht daraus, eine Sehnsucht auf Zugehörigkeit und Größe.
In der Jugend standen in meiner unmittelbaren Umgebung zunächst keine Vorbilder zur Verfügung, es war einfach alles eng und klein und furchtbar, also mussten sie aus der Ferne herbeigeschafft werden, die Vorbilder, die Stars (...) und das Ferne in den Büchern war ein Versprechen, eine Wette auf die Zukunft, ein Raum, der mir offenstand, ein Weg aus der Enge dieser Unmittelbarkeit. Denn die Künstler hatten aus ihren Schwächen und Beschränktheiten doch selbst etwas anderes, etwas Öffnendes, über sich selbst Hinausweisendes gemacht..."

Ich gehe auf Wasser herum, ich mag nicht, wenn Leute einsteigen.

"When in hole, stop digging." 

So dilatorisch.

Die Übertragungswagen glänzten in der Mittagssonne. Die Frequenzen waren klar und rein. Ein Duft nach Kaffee und Brause zog über den Platz. Die Mikrofonierung wurde per Handzeichen für abgeschlossen erklärt.

Sendeminuten verstrichen. Dann trat die Schauspielerin in einem purpurroten Kleid und in dunkelroten Schuhen mit Absätzen das Podium und verlas eine Erklärung des Ministeriums für Aufklärung. Sie verlas sie mit Schauspielerinnenstimme. Ein glitzerndes Fahrzeug hielt auf Höhe der Bühne, umringt und freigestellt von Uniformierten, eine Tür hob sich. Es wurde kurz etwas hektisch, die technischen Mitarbeiter machten Handzeichen, die M. nicht lesen konnte, er beendete das Ferngespräch mit Emma, die Übertragung fand längst statt. Die Schauspielerin beendete ihre Rede, lächelte ins Ungewisse, matter Applaus erklang, dann kam von irgendwoher Musik.

Der Himmel war klar und ungetrübt, als Frederic erschien und auf die Bühne zulief, während sich ein ranghoher Funktionär aus dem Glitzerfahrzeug schälte und eine behandschuhte Hand nach draußen hielt, die von einer Funktionärin geschüttelt wurde. Frederic ließ sich nicht beirren, jetzt war er dran, sein Gesicht war versteinert, sein Schritt entschlossen wie der eines wütenden kleinen Jungen. Er rauschte an dem Funktionär vorbei und betrat die Bühne, um ein offenes Wort aus, wie er sagte, dem Munde eines Geschäftsmanns und Mitarbeiters der städtischen Börse auszusprechen.

"Die Ausbeutung ist total", sagte er, dann folgte eine Kaskade von Sätzen, die kaum jemand verstand.


Freitag, 7. Oktober 2016

Soldier of Love

Sugar electrician
Dauerstrom, Ader kaputt

Aufruhr der Haushaltswaren
Ich will eine fertige Welt

Das Recht auf ein karriereloses Leben, kurz gesagt
Bürgerablage, jenseits von Totenzahlen

Stauraumschiffe, versoffene Sonntage
Das Gemachtsein der Welt

Wir sind ohne Nachricht, da gibt es
eine Aussageschere, blattmacherisch

Wir ließen das Forsthaus zurück. Zwei Bilderbuchfamilien ersetzten uns. Eine Zwölfjährige hatte noch von ihrer ersten E.-A.-Poe-Lektüreerfahrung erzählt. Es ging um Kannibalismus, glaube ich. Während dieser paar Tage hatte ich ständig Verdauungsprobleme. Zwei warme Mahlzeiten pro Tag und der übliche Feierabendunsinn. Ich habe auch mal wieder ein Kilo zugenommen. Ich habe seit Tagen in keinen Spiegel gesehen.

Mir gelang ein Foto. Kirsten Dunst setzte sich auf mein Gesicht. Wie eine Wespe. "Zu nackt fürs Vaterland." Später richtete sich ein ganzer See nach ihr (sie war als Einzige im Wasser). Man liest ihren Namen auf Barkassen, auf Gedenktafeln. Diskretionen vs. Quäkquellen. Als wir flach im Kornfeld lagen, ordentlich bekifft, und Änderung so möglich schien, ein Indieluftsprengen der dörflichen Welt. Daran erinnerte ich mich. An Narrenkappenträger in den Nachtbars in der Sommerzeit. Damals, bevor uns die Maschinen kriegten.

"Die Maschinen stehen woanders."

Über der Kleinstadt ging ein Gewitter herunter, während wir unter dem Dach der kleinen Bushalte saßen und auf den Rufbus warteten, der dann ein Taxi war und uns für zwei Euro zum Bahnhof brachte. Dem Fahrer fehlten Kleingeld und ein guter Blick für die eigene Körperpflegebedürftigkeit. Wir sahen dem wackelnden Wald zu und schwiegen die Fahrt über. Wir fuhren zurück, endlich. Hinter Angermünde öffnete sich der Himmel. Wir fuhren zurück, in eine Stadt voller Taxis.

Die Welt ist groß, aber kleinteilig.



Es fehlt eine Geschichte. Die von der Amnesie nach der durchrauschten Nacht. Eine weitere Nacht mit vielen Intoxikationen, eine Nacht in einer Bar ohne Filter, mit Sternschnuppen, mit gedämpften Frühlingsgefühlen. Jedenfalls, zu merken war nicht viel, viele Gläser, viel Gespräche, ein Zucken in den Augenlidern, ein Blick wie aus einem Wäschekorb, und irgendwann stand ein Taxi an der Straße.

Die Lichter der Großstadt, die über die Heckscheibe wandern. Ein französischer Film. Eine bewusstlose Nacht. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon. Ein Körper, der die Decke zur Seite schlägt und Schritte macht. Eine Tür wird geöffnet. Ein Gespräch angenommen. Der ideologische Staatsapparat ist dran. Zu hören sind nach ein paar Floskeln und Formeln weiter nichts als ein Rums und das Geräusch des Auflegens. Und dann fiel die gesamte Gedächtnisleistung aus. C'est pas vrais, doch, genau so.

Erst jetzt entdeckt: Stefan Schmitzers Sammelrezension von Literatur-Quickie-Heften, darunter "Der Silberpudel". Hier.




Mittwoch, 5. Oktober 2016

5. Oktober

Beginn der Heizperiode.
Stromableser, Künstlersozialkasse, Finanzamt. Behörden, die Geld wollen.
Du kannst dich nicht entscheiden, sagte sie. Ich hatte Glück, sagte ich. Ich habe mein Herz im Koffer vergessen.

Der überklebte Andruck.
Der Boiler surrt wie ein Fön.

Zwei zu schreibende Bücher:
Sophie im Wendland, Kinderbuch. Unter schönen Frauen, Roman.

Eine lange Autofahrt, eine winterliche Nacht auf einem Doppelstockbett in einem Sechsbettzimmer, Lübeck im Februar. Reste von Schnee. Das Meer irgendwo unsichtbar im Hintergrund. Das hatten wir uns anders gedacht. Wir machten Liebe auf diesem Stockbett, oberes Geschoss, etwas seltsam, aber innig und bewegt. Ich dachte bei dem guten Frühstück unten im Café, dass ich einer Verschwörung aufgesessen war. War ich auch. Ahnungslos. Wir fuhren wieder ab, wollten das Meer woanders suchen. Noch ein Foto vom Autor als jungen Mann vor dem Holstentor, mit dem Buch "Der Tod in Venedig" in der Hand, dann los.

Er wollte, dass sie mich verlässt
Ich wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass er wollte, dass sie ihn verlässt
Sie wollte, dass ich mich verlasse
Ich wollte, dass er sie verlässt

Er, Sie, Es


Macht hat uns noch nie interessiert, sagt der Regieassistent, wir sind der Macht immer ausgewichen, und ich nicke seinen Satz ab, denke aber gleichzeitig: Ja, aus dieser Gedankenwelt komme ich auch, mit diesem Theweleit/Kristl-Zitat im Kopf, »auf dass die Macht den Menschen eines Tages langweilig werde« oder so ähnlich, aber die Wahrheit ist, neben all der Machttheorie, die um diesen Satz eingreifen wollend herum schwebt, dass der Satz so nicht mehr zutrifft, denn natürlich interessiert uns die Macht, hat uns bereits früh interessiert, nur in einer Form negativer Übertragung, also als Macht, die wir spürten, weil wir sie selbst nicht hatten, wofür wir die Macht verachtet haben; wir haben die Macht dafür verachtet, dass sie sich anderswo, bei anderen, von uns aus gesehen minderen Menschen sammelte, falschen Menschen, Menschen mit den falschen Ansichten, auch zur Macht selbst, usw. – Also, die Macht hat uns schon damals interessiert, als Abwesenheit, als Leerstelle, die dann endlich zu füllen war. Das gilt auch für den Regieassistenten selbst: Auch er hat eine Macht, wenn auch eine vergleichsweise kleine, und er hat sie auf welchen Wegen auch immer bekommen, und will sie möglichst behalten, und so möchte auch ich meine Macht bekommen, meinen Raum, der mir zusteht. Der innere Raum, der fehlt. Das erklärt auch die endlose Suche – nicht nur die nach der verlorenen Zeit (meine Finger wollen »verloren« mit F schreiben: »Die Suche nach der ferlorenen Zeit«), sondern nach dem verlorenen, vielleicht nie gehabten Raum. Ein Raum für mich. Ein Raum, der mir gehört. Ein Raum, in dem ich sprechen kann. Ein Raum, dessen Wände mir zuhören. Ein heiliger Raum.


Montag, 3. Oktober 2016

Die Waffe des austretenden Hundeführers

Die Waffe des austretenden Hundeführers. Ferner wilder Himmel, Sand zwischen den Zähnen, eine Blume im Anschlag. Goldstreif, Wehmut, Differenzen.

Ich mache mir einen Kaffee und finde sie in der unteren Ablage. Eine Gelegenheit, sich die Kugel zu geben, ist mir diffus bewusst. Ein seltsames Gefühl. Aber ich fasse die Waffe nicht an.

Der Radiosender spielt Heavy Metal Musik. Der Hundeführer ist von seiner Runde zurück und löst Kreuzworträtsel. Von der Musik fallen dir doch die Eier ab, sagt er nach einer Weile.

Der schwule Kollege, der mich ablöst, oder den ich ablöse. Die versteckten Schmuddelhefte in der Ablage, in der eben noch die Waffe des austretenden Hundeführers war. Eingeölte Schwänze, gänzlich unerigiert. Ich bin Zeuge eines leeren Herzens, alles zieht.

Ich frage mich, wen unerigierte Schwänze interessieren. Klar, es gibt da diesen Paragraphen, der die Gradzahl der Erektion reguliert. Aber so unerigiert?

Bitte lehne dich doch da an den Baum.

"Heavy Metal Drummer". Das Lied existiert ganz unabhängig von der persönlichen tragischen Geschichte, die ich mit ihm verbinde. Ich mochte es auch ohne die Geschichte.

Thomas Melles neuen Roman zu lesen ist hart.

Komplimentiert: Mund (von K.)
Komplimentiert: Bekleidung (von Ch.)
Komplimentiert: Ohr (von L.)

In der S-Bahn neben Ch. mit einer Flasche Wasser in der Hand. Kurz ausgeübter situativer Witz: Ich simuliere einen Wet-T-Shirt-Contest. Seltsamer Moment.

Plötzlich hereinbrechende Dunkelheit, und irgendwas ist ein paar Stehplätze von meiner Hängematte entfernt, in Richtung Kantine, aber so wichtig, dass ich da jetzt unbedingt hin muss.

D. stand an eine Stütze gelehnt, unter einem Lautsprecher, und zog sich mithilfe einer im Licht glänzenden Pinzette etwas in die Nase. Die Mitarbeiter der Sicherheit beachteten ihn nicht, sie standen in den entsprechenden Jacken an der Seite des Platzes, der sich nur allmählich füllte, für ein größeres Publikum war das Programm entweder nicht ansprechend genug, oder irgendeine Desinformation, mögliche Drohnenangriffe betreffend, hatte für Verwirrung gesorgt.

Es sollte seine Sorge nicht sein, für ihn war der Auftrag klar. Er schwitzte, wischte sich den Schweiß ab, machte ein ausdrucksloses Gesicht, gab sich lässig. Es gab einen Freiraum, während sich die Abläufe abspulten.

Emma meldete sich. Ungünstiger Zeitpunkt. M. blinzelte in die Sonne, stotterte in sein Sprechgerät, schaute kurz Hilfe suchend in D.s Gesicht, aber da fand sich nichts. Emmas schreiende Einsamkeit kam ihm nicht unbedingt einladend vor, ihre abwartend aggressive Art, eine Einladung für den Abend auszustellen, leicht genervt sagte er zu.

In diesem Moment schritt eine mächtige Schauspielerin vorbei und strebte in Richtung Bühne. D. blickte etwas neidisch, während er sich die Nasenflügel kratzte.


Samstag, 1. Oktober 2016

Ja. Chérie

Die eine Stelle lobt meinen Stil und sagt, das wisse ich doch bestimmt, dass ich gut schreiben könne. Die andere Stelle, selbes Haus, wirft allerhöchstens einen nachlässigen Blick auf mein Skript und schreibt eine Absage.

Als sie sagt, des Morgens, auf der Matratze, hinter dem Kleiderchaos, während ich mir ein Schlafshirt suche und in dem Kleiderberg nur Hemden finde, weshalb ich also ein Hemd anziehe, also als sie sagt, dass sie sich nicht sicher sei, ob das hier was Ernsthaftes werden könne, werfe ich ihr etwas an den Kopf, was ein Heft sein könnte oder ein E-Bookreader in einem Schuber, und dann sage ich, das sollte sie sich aber mal langsam überlegen, und zwar schnell, weil ich hier schon ziemlich drinhänge, wobei ich letzteren Satz nicht zu Ende spreche.

Wenig später kann ich fliegen. Ich fliege um mein Elternhaus und das meiner Großmutter herum. Zum Fliegen brauche ich allerdings ein Hilfsmittel, das ich mir unter die Arme klemmen muss. Ein rotes Irgendwas. Ich fliege einen Turm hoch, wobei es schwieriger wird, je höher ich komme. Ich sehe Fußballplätze, Bolzplätze, die jetzt Neubausiedlungen gewichen sind.


"'Gute Gefühle', sagt Gide, 'bringen schlechte Literatur hervor'; aber gute Gefühle bringen hervorragende Einschaltquoten. Es wäre der Mühe wert, einmal über den Moralismus der Fernsehleute nachzudenken: Oft genug Zyniker, sind sie in ihren Äußerungen zu moralischen Fragen doch unwahrscheinlich konformistisch. Unsere Nachrichtensprecher, Moderatoren, Sportreporter haben sich zu Moralaposteln entwickelt; mühelos schwingen sie sich zu Verkündern einer typisch kleinbürgerlichen Moral auf, die bestimmen, 'was zu halten ist' von dem, was sie die 'Probleme der Gesellschaft' nennen (...) Dasselbe gilt für Kunst oder Literatur: Die sogenannten literarischen Sendungen, gerade die bekanntesten, fördern die etablierten Werte, den Konformismus und Akademismus oder auch das, was gerade hoch im Kurs steht, und zwar tun sie dies immer dienstfertiger."
Pierre Bourdieu, Über das Fernsehen

"Kräuselmeier war auch ein Weiberheld, und es ist ja nichts Neues, dass silberstrümpfige Buchhändlerinnen auf Intellektuelle eine spezielle Anziehungskraft ausüben."
Schröder & Kalender: Kriemhilds Lache

Stimmt, das Schmatz. Auch lange nicht mehr gesehen.


Ein lang gezogener, offener Platz. Eine Bühne am Kopfende, umstellt von künstlichen Pflanzen. Betonkübel zum Sitzen. Keine Tauben. Ein altmodisches Glockenspiel, das an einer auf barock gemachten Fassade klemmte und stündlich die schräge Melodie eines antiquierten Arbeiterliedchens bimmelte. Der Schatten eines Hubschraubers, der sich langsam über das Pflaster bewegte. An den Flanken des Platzes herumbrausende Fahrzeuge. Menschen auf Rädern. Hotels in Reichweite, aber keine Touristen. Die Mitarbeiter stiegen aus und eilten auf ihre Positionen. Die anwesenden Bettler sprachen sie persönlich an. Sie nannten sie bei Namen. Sie sprachen Platzverweise aus.

Eine wichtige Meldung folgte: Bitte filmen Sie auch die Gesichter der Menschen, die weinen.