Mittwoch, 31. August 2016

Intransigent

Mein Telefon enttäuscht mich. Nicht zum ersten Mal.
Und ich verfette zusehends. Seit dem Heimaturlaub fast wieder auf Höchstgewicht. Die fünf Kilo, die ich zwischendurch abgenommen hatte, sind flugs wieder da. Emotionales Essen, Beziehungsbauch, ganz ohne Beziehung.
Die Beziehungen der anderen. Das Verschwinden des Einzelnen in der Symbiose.
Was mich an Klotz' Innenschau einer Beziehung gestört hat, waren die offenen Fragen: Woher das Begehren? Warum das alles? Warum diese Beziehung und keine andere?

Ehrlich werden.


Die Unlust am Text. Leben derzeit eher okay. Familienwerte steigen, Freundschaftswerte fallen. Geld gut, Gesundheit ausreichend, Karriere okay. Liebe: Immer noch eher polygames Liebeskonzept, das moralisch und gesellschaftlich nicht immer ganz koscher ist oder aber nicht vollständig aufgeht, da am Ende des Tages immer noch irgendetwas fehlt, etwas, das wir Liebe nennen. Also eine, die von mir ausgeht. Träume von Insektenwelten (Wespen). Was auch fehlt, ist die Physiotherapeutin, die noch im Urlaub weilt.

Dafür lese ich viel. Knausgard, Lieben:
"Was er erzählt hatte, ergab sich nicht aus der Situation, wenn man einmal davon absah, dass ich gerade aus Norwegen gekommen war, und war so zusammengefügt (...), dass es wirkte, als wäre es vorher fertig gewesen. Es war etwas, das er sagte, (...), es war eines seiner Themen. Meine Erfahrung mit dem Menschenschlag, der Themen hat, sagte mir, dass es abzuwarten galt, bis der größte aufgestaute Druck abgelassen war, denn meistens gab es jenseits davon eine Art von Aufmerksamkeit und Präsenz. Ob er mit seinen Behauptungen Recht hatte, wusste ich nicht, ahnte lediglich, dass sie von Frustration getrieben waren und er eigentlich darüber sprach ..." (202)

Ach, immer diese Sehnsucht.

Natürlich kam ich wieder schlauer aus der Bar raus. Einem Mädchen mit einem hübschen Gesicht stand ihre neue Frisur; ihre neue Frisur - etwas länger als der damenhafte Kurzhaarschnitt, den sie vorher hatte - machte sie attraktiver. Ihr derzeitiger Lover hielt die Stellung neben ihr, traute sich aber nur einmal kurz, sie anzufassen. Mir warf er irgendwann einen langen, prüfenden und distanzierenden Blick zu, über den ich mich zunächst wunderte: Bin ich berühmt, weiß er, wer ich bin oder was will er? Später begriff ich: ach richtig, Reviermarkierung. Interessant. Mache ich das auch so? Nicht, dass es mir bewusst wäre. Aber wer weiß.


Dienstag, 30. August 2016

Zentralanlage

Hören Sie das? Riechen Sie das?
Wie wäre es für Sie, auf zwei Sinne reduziert zu sein? Etwas unheimlich, nicht? Dabei ist die Zuordnung gar nicht so schwer. Hören Sie: ein offener Supermarkt. Das Piepen der Registrierkassen. Das Rasseln der Einkaufswagen. Oder täusche ich mich? Atmet jemand laut oder ist es doch eine Klimaanlage?
Ein Türluftschleier. Ein Paar, das sich unterhält. Ist es ein Paar? Kann man es jemanden anhören, wann er oder sie zuletzt Sex hatte? Hört man es jemandem an, welche Kleidung er trägt? Kann man Farben hören?

Manchmal gibt es Gleichzeitigkeiten. Zwei Scanner kommen zugleich. Zweimal ein Piep, ein Piepzweiklang. Zwei Fahrräder, die angeschlossen, abgeschlossen werden.
 


Magermotoren. Sofort werfen sich Personenschützer auf die schreienden Frauen. Neue Folgen, ganze Folgen. Das neue Berlin. Man kommt zu nichts.

Frauen ab 30, die einem Plan folgen, die nicht mehr die große Liebe suchen, sondern einen möglichen Vater ihrer Kinder. Sie treffen auf Männer ab 35, die keinem Plan folgen, sondern immer noch oder immer wieder die großen Liebe suchen, und nur äußerst selten eine mögliche Mutter ihrer Kinder (und wenn sie die große Liebe nicht finden, dann wollen sie wenigstens Sex). Wie soll das funktionieren? Frauen in Datingportals: Sie beschweren sich über die Anfragen nach flüchtigen Affären und Onenightstands. Männer in Datingportals: Sie beschweren sich nicht über die Frauen, die Romantik vortäuschen, aber Kleinfamilie wollen und die unverbindlichen Angebote in den Wind schießen.

Nettes Buch: "Fotzenfenderschweine" von Almut Klotz. Direkt neben "Bilder deiner großen Liebe" von Wolfgang Herrndorf einzuordnen. Fragment mit Potenzial, das charmant ist und ausreichend. Das aber zu viele Fragen offen lässt.





Alea hielt das Bad besetzt. Ich warf mich aufs Doppelbett und spielte mit dem Handy, griff nach der Fernbedienung und schaltete den kleinen Fernseher ein, der auf der billigen Kommode jenseits des Fußendes stand. Auf der Bildfläche erschien ein einheimischer Sender mit einem erratischen Symbol in der oberen rechten Bildecke. Ein sich gemächlich drehender, blauer Diamant, der mit einer starren, weißen 5 trächtig war.

Es lief eine Nachrichtensendung. Nach dem Wetterbericht (von einer Regenfront war noch nichts zu sehen, die Windstärke nahm allerdings zu) begann eine Konferenzschaltung. Acht Köpfe erschienen in einem achtfach geteilten Bild, eine überörtliche Talkshow. Man sah also acht Journalisten, sechs Männer, zwei Frauen, und von den acht machten die sieben, die gerade nicht sprachen, einen bemüht konzentrierten Eindruck. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, konnte aber ihre Gesichtsausdrücke lesen: Fremde Gesichter mit den gleichen Gesichtsausdrücken wie die Menschen, die ich von der Arbeit kannte. Menschen, die bemüht waren, einen professionellen Eindruck zu machen. Sie sahen ernsthaft besorgt aus.

Sonntag, 28. August 2016

Attractivity Gap

Die Geschäfte laufen so weit. Working on my novel. Ich fordere mein Handgelenk.
Die Sonne gibt sich Mühe, der Schallplattenspieler zickt herum.
Europa in der Krise.

Ich gelte in der Bevölkerung als populär. Geisterorgeln im Hintergrund.
Emotionale Erschütterung: Ein Kind schrie, als ob es selbst noch ein weiteres gebären würde.
Ein defensives Seeventil. Alle Favoriten werden gelöscht.

Zwei neue (Blogleser könnten sie kennen) Gedichte von mir gibt es in dieser Anthologie, die ansprechend fett ist: "All dies hier, Majestät, ist Deins". Mein erster Auftritt in einem kookbook, zudem. Bitte bei den handelsüblichen Verstärkern bestellen.


Geheult bei der Stelle "I've got a chip on my shoulder that's bigger than my feet", weil das genau die Stelle ist, die es auf den Punkt bringt. Beatles, I'll Cry Instead.

Danach bei irgendeiner rührigen Stelle in einem Rührfilm geheult. Keine Ahnung.

Eine Affäre ist auch deshalb eine Affäre, weil man sich für sie schämt. Für die Affäre selbst und für die Person, mit der man sie hat. Das ist der Grund, warum man sich nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen möchte. Das ist der Grund, warum eine Affäre eine Affäre ist: und als solche eben geheim bleiben muss, versteckt, heimlich. Ansonsten wäre sie auch keine Affäre. Sondern so etwas wie eine richtige Beziehung.


Immer noch dasselbe Schema.
Ich kaufe Milch.

Gestrichen:

Wir hatten kaum ein paar Worte miteinander gewechselt, da erschien Silvia. Sie wirkte freundlich und hell. Sie umarmte uns, während wir sitzen blieben, und setzte sich neben Alea. Sie wirkten auf eine Art vertraut miteinander, die mich merkwürdig beunruhigte. Silvia und Alea tauschten sich auf Englisch über Hotelbesitzer und das Fotografieren von Mahlzeiten aus. Ich drehte mich weg, während sie sich immer näher zu kommen schienen. Dann hatte ich einen Gedanken: Ich hätte sie gern aus dem Meer steigen gesehen. Aber das Meer war wütend, vermutlich über etwas, das weit draußen stattfand. Und wen hätte ich lieber aus dem Wasser kommen sehen? Alea oder Silvia? Beide, dachte ich jetzt, beide.

Freitag, 26. August 2016

Nacken an Heaven's Door

Meine Mutter als Sünderin. Weil, von Männern zugewiesene Position: die Pfarrsekretärin. Also die, die eines Tages ein Verhältnis mit ihrem Chef unterhält.

Das Lachen im Wald. Wir haben so gelacht, als wir durch Borghees fuhren. Ja, haben wir. Als R. anrief, um mich daran zu erinnern, hatte ich gerade einen anderen Sentimentalitätsanfall, der von der Beatles-Platte herrührte, die ich aufgelegt hatte. Ich hatte die Beatles entdeckt, ca. 1982, da waren sie schon seit 12 Jahren Geschichte (was von heute ausgesehen damals gar nicht so lange her war - allerdings spielte sich die Trennung der Band eben bereits VOR meiner Geburt ab). Keine andere Musik habe ich seitdem nur entfernt so oft gehört. Unbestimmt sentimental war ich also schon in meiner Jugend, eigentlich auch schon vorher.

Ort im Mecklenburgischen: Paltrow.

Man stelle sich eine Kleinstadt vor, die sich auf ein Zentrum hin konzentriert: die "Behandlungszone". Ein Krankenhaus, umgeben von einer neu gestalteten Geriatrie, daneben ein Altersheim. Die umliegenden Miethäuser werden nach und nach abgerissen, die so entstehende Brache wird zur Grünfläche umgestaltet, und die dann konsequenterweise zu einem Friedhof.


Das Horoskop von heute hatte ich schon mal:
"Krisenstimmung, weil Venus ihnen nicht hold ist. Leicht kommt es zu Machtkonflikten. Weit und breit kein Flirt in Sicht. Hektik und Stress sollten Sie heute vermeiden. Sagen Sie alle entbehrlichen Termine ab, legen Sie einen Verwöhntag ein."

I've lost that loving feeling.

Der Planet ist ernst und mir wachsen Grabsteine aus den Armen. Sie sehen wie Waschmaschinen aus. Kleinformatige Waschmaschinen, die ich mit den echten Waschmaschinen abgleichen konnte. Vielleicht waren es auch Uhren. Die Waschmaschinen standen keinesfalls in einem Waschsalon, sondern auf einem Friedhof. Die Zeit läuft ab, der Planet ist ernst, und ich habe das liebende Gefühl verloren.

"Die infantile Einstellung ist beide Male sehr deutlich; erst die kindliche Maßlosigkeit, die das Ziel der Wünsche mit niemandem teilen will, dann die ebenso kindliche Reaktion mit Trotz: Wenn es ihr mir nicht gönnt, so behaltet es für euch, ich will jetzt gar nichts haben."
Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 266



Umgebungsbedingte Befindlichkeitsstörung. Ein ausgebremster Planet.
Trockene Augen, ausgetrocknete Augen. Etwas nicht sehen wollen. Verheulte Augen.
(Gestern das kristallklare Wasser im Sportbecken; die Blasen und Körper.)
Wiederholungsschleifen.
Reparaturen am Ich.
Hineinwollen in etwas. In sie. In einen Zusammenhang. In etwas Neues. In etwas Fremdes. Ins Wasser. Ins Becken. Ins Auge
Hineinwollen in sie, sie hält es mit einem anderen.
Prüfblicke auf Displays, alle paar Minuten, schon banal. Schon jetzt banal.
Schwach lieben, stark lieben.
Ich war von ihr wenig befriedigt.
Planet, ausgebremst.



Mittwoch, 24. August 2016

Table d’hôte

Ich war tief bewegt.
Urteilsstörung durch Beziehungswahn.
Aber pikant schön.

"Sie geht wie eine Schwangere."
"Sie ist schwanger."
"Und sie hat einen Hintern, auf dem man einen Korb abstellen könnte."

Vor mir in der Schlange ein Schrank. So stark tätowiert, dass gar kein Platz mehr für den Eintrittsstempel ist.


Über das Altern, 1:
"Fast legendär war die Weigerung Mike Theissens, Light-Getränke auszuschenken. Da will Anne Vorwerk nicht päpstlicher als der Papst sein. "Viele Gäste, die zuckerkrank sind, trinken nunmal Cola-Light", sagt die Wirtin, die übrigens ihren Vollzeitjob gekündigt hat, um das Erbe von Mike Theissen anzutreten." Rheinische Post

Über das Altern, 2:
"Und was bei meiner Ankunft Gesichter ohne Bedeutung oder Inhalt gewesen waren, bei denen ich folglich bloß Alter und Typ wahrgenommen hatte, etwa so, als wären sie Tiere, ein Bestiarium der Vierzigjährigen mit allem, was an toten Augen, steifen Lippen, hängenden Brüsten und schwabbelnden Bäuchen, Falten und Wulsten dazugehörte, sah ich nun Individuen in ihnen ..."
Karl-Ove Knausgard, Sterben

Über das Altern, 3:
"Es ist ganz schön heiß hier drinnen."
"Findet ihr? Das sind wohl die Wechseljahre, was?"

Über das Altern, 4:
folgt


Die wesentlichen Vorgänge eines Akts waren immer noch dieselben. Nähe und Distanz kamen bei den Höhepunkten zusammen, danach entschied sich das soziale Gewissen oder irgendetwas anderes für das eine oder andere. Ich lag noch lange hormonbetäubt da. Schwach und alt. Mein Arm fühlte sich an wie ausgeleiert, in meinen Füßen zuckte es, mein Nacken schmerzte. Fast ihr ganzes Gewicht lastete auf mir, aber ich hatte nur sanfte Gedanken, einen weißen Frieden, den wir teilten.

Andererseits hätten wir nicht entfernter voneinander sein können. Aber das war wie gesagt beim Sex und danach immer so. Es gab schließlich keine Verbindung, oder vielleicht doch, aber es war eine andere als die, die man sich gemeinhin vorstellte. Im Himmel bist du, wenn du von der Frau, die du liebst, einen Blow Job bekommst, dachte ich. Ich stellte mir Planquadrate vor. Die Eckdaten von Planeten. Ein fernes Rauschen, einen Glücksmoment. Die Frau neben mir rührte sich, sah mich an. Worte kamen aus ihrem Mund, der wie wundgescheuert aussah, verstreuten sich im Raum, kamen aber irgendwie auch nicht näher.

»Was willst du?«, fragte ich.
Sie antwortete irgendwas, da war ich fast schon wieder weg.
»Und jetzt? Und wie jetzt weiter?«, das war die Frage. Aber ich verscheuchte sie, ich wohnte schließlich nicht hier, und dies war kein Moment für Entscheidungen.
Aber das Blau ihrer Augen leuchtete stark.

Später schlief ich ein und träumte von meiner Abiturfeier, bei der ich als meine Englischlehrerin aufgetreten war, in drags.

Montag, 22. August 2016

Macht durch Liebe

Die Wiederentdeckung der Außerirdischen. Liebe ist Auszeit vom Druck, konsumieren zu müssen, meinte Houellebecq im Fernsehen, was immer noch nicht stimmt.

"Auch der neue Papst ist Autor", da sind sie grün mit.

Es gilt, in aller Vorsicht, zwei Bücher anzuzeigen. Im November/Dezember diesen Jahres wird "Wart und Gegenwart. Gedichte" erscheinen, und zwar in der Kölner "Parasitenpresse". Im Herbst 2017 erscheint das Buch zum Blog - "Die Suche nach dem Glam", Textfassung, in der edition taberna kritika in Bern. Weiter in der Warteschleife: "Tod deines Todes", Erzählungen. Work in progress: "Unter Schmerzen. Roman". Bleiben Sie dran.





Aufgewacht und mich so über den Traum gefreut, dass ich ihn im nächsten Traum gleich weiter erzählen musste

Und weiter im Regal.

"Wir suchen keine Spieler, die schon der Abendsonne entgegenreiten" (H.J. Watzke)
"Was mich viel mehr stört, ist dieser Fleck auf meiner Brille."

"Sie ging als Po der Band in die Geschichte ein"
und bewegt sich, als ob ihr Blei eingeflößt worden wäre

"Klicken Sie auf Bilder zu sehen."


"Du meinst, als wir die Laternen ausgetreten haben?"
"Nee, ich meine vorher, als wir nach Moers gefahren sind. Wir sind nach Moers gefahren auf diese Indiedisko, die dann voll die Grufti-Veranstaltung war. Und all seine Kumpanen waren da. Mit ihren Tollen und Perücken und dem ganzen Plüsch und den sechs Kilo Haarspray überall. Und wir haben da dann herumgesessen und denen bei ihren Marschtänzen oder Tanzmärschen zugesehen und diese schrecklich kranke Musik mitangehört. Bis dann endlich was kam, was wir auch gut fanden."
"Und zwar."
"Joy Division. Love Will Tear Us Apart. Und dann sind wir auf die Tanzfläche gestürmt, während diese Typen und Frauen, die alle aussahen wie aus einem Kostümfilm über die Zeit vor der französischen Revolution, also all diese gepuderten Typen, die saßen dann da und kicherten. Die kicherten tatsächlich über uns. Das muss man sich mal reinziehen!"
"Ja, Mann, krass."
"Das war fast schon witzig. Das war fast wie von Omas ausgelacht werden, wenn man unbedingt Krocket spielen will oder so."


Samstag, 20. August 2016

Natalistische Propaganda

So jung wie heute morgen bin ich jetzt schon nicht mehr.
Parteilose Instrumente.

Die Maschine sah hellgrau aus, sie deckte sich mit dem Himmel, sie trug eine Leuchtschrift an der Seite, die ich aus der Entfernung natürlich nicht lesen konnte. Ich stieg aus dem Taxi und senkte den Blick. Ich betrat die Flughafenhalle und verhielt mich unauffällig. Ich sah ein Szenemädchen, das auf ihrem Koffer saß. Einchecken, Passkontrolle, neue Leuchtschrift, gleichfalls unleserlich. Kurz vor dem Flug suchte ich die Toiletten auf. Stechende Spiegel, unerbittliches Licht, dabei ungut bedudelt werden, Musik für Flughäfen.

Die Mattenleiterin greift persönlich ein.
Aber wo geht dieser Pass hin?

Schon bald meldete sich das Büro wieder, die Redaktion schickte unangemessene E-Mails, bat um sofortige Rückkehr. Im Landhaus wurden letzte Fotos gemacht. Ich hatte die Wörter wiedergefunden, ich schrieb sie schnell nieder, ich hatte nach sensiblen Dokumenten gesucht. Zum Glück meldete die Fluggesellschaft, dass man den Flughafen (Flugzeuge sind eben doch Schiffe, Luftschiffe, weil sie in einem Hafen landen) rechtzeitig wieder schiffbar, wieder flott gemacht hatte, die Wörter sahen schön aus, sie waren schmuck und schimmerten. Dann saß ich wieder in einem Taxi, ich saß im Transit und schaute durchs Seitenfenster dem wackelnden Wald zu, dachte an die einfachen Verhältnisse, aus denen ich kam, und aus denen ich wieder ging. Enteilende Landschaften.


Es war alles, wie es sein sollte. Das Gebäude war ein Funktionsbau aus den achtziger Jahren, durch das hartes künstliches Licht fiel, es gab Deckenfenster, aber die Sonne war zu schwach. Die Menschen unterschieden sich in vier Kategorien. Es gab die Patienten, die Pflegekräfte, die sich in Raum- und Körperpflege unterteilten, und das medizinische Fachpersonal. Alle verhielten sich nach Vorschrift: Die Patienten schlurften durch die Halle, saßen auf den Bänken, warteten auf Termine, wechselten ein paar lose Worte, schoben sich mitsamt ihren Infusionsständern zu den ausgelagerten Raucherecken, strömten allesamt eine Aura von Verderbnis und Verfall aus, von Siechtum und lethaler Inkubation. Sie waren wie Parias, die sich hier versammelt hatten, man wollte sie keinesfalls berühren, auch nur irgendetwas mit ihnen zu tun haben, jedenfalls ich nicht, ich wollte eigentlich nur dringendst hier weg. Die Raumpflegekräfte, meist weiblich, waren mürrisch oder lethargisch, sie wischten den Staub ihrer Existenz aus den Hallen, die medizinischen Pflegekräfte waren aufgeweckter, wirkten betriebsamer, hielten verbalen Kontakt untereinander; das medizinische Fachpersonal war unsichtbar, abwesend, und wenn es wie eine Sternschnuppe doch einmal zu sehen war, verschwand es rasch wieder hinter den Kulissen.

Donnerstag, 18. August 2016

Jana gespiegelt

Schwer verformte Informationen, metastabil.
"Weil Sternenstaub den Blick verstellt, kann das Team nicht auf Licht hoffen, sondern muss Radiowellen empfangen."
Ganz profan: Oben in der Decke ist ein Loch. Da fällt das Licht hinein.

Gespräche über Löwen. Ihr autoritäres Gebrüll beim Anblick von Gästen. Die Alltagserfahrung Bäume. Der Fall eines Passanten aus dem 23. Stock, der durch mehrere Markisen aufgehalten wird, der dann aber, heil auf dem Trottoir angekommen, aufrecht und unverseht, von einem Löwen angefallen wird. Die Löwen im Zirkus, die Löwen im Zoo. Die verschiedenen Zoos. Die Zoobrücken. Der Löwe und das Walross.

Vater sagt: Halt dich aus der Politik raus, das ist besser für dich.
Kurz aufflammender Ärger über den Satz. Die Umfragewerte insbesondere für die AfD hält er für geschönt - in seiner Wahrnehmung müssten die Prozentzahlen höher liegen. Nicht in Berlin, denke ich.

Irgendwie finde ich sie ja scharf, die Bürgermeisterin. Wählen werde ich sie trotzdem nicht.



Ich mag das, was Gerald Koll drüben im Fisch schreibt. (Es erinnert mich an mich.) (Wie auch "Rückkehr nach Reims", das ich gerade lese, mich an mich erinnert - bei allen Unterschieden, die ich natürlich auch sehe.)

"Wiener Dog" von Todd Solondz: sehr amüsant. Neidisch auf die Unverblümtheit der Einfälle (z.B. die Geschichte, dass der Dackel von einem Streuner... Schauen Sie selbst.) Damals "Happiness" mit E., eins unserer ersten Dates, die wir noch gar nicht so nennen wollten. Ich will wieder häufiger ins Kino.

Weiter ins Olfe, dann Suppe bei Hazir, dann noch ein Drink im Würgeengel. A. bezahlt den Rest des Abends. Wie kam es dazu, dass A. (wie auch S. manchmal) grundsätzlich die Rechnung übernimmt? Na gut, ich weiß, wie es dazu kam. (Die Pleitejahre.) Im Würgeengel lässt er 30 Euro. (Auf mich fielen davon etwa 6.) Auf dem Weg zum Klo geht mir zum ersten Mal auf, warum der Würgeengel so heißt wie er heißt. Man kommt einfach so schnell nicht raus aus dem Laden.

Neben uns liest einer an der Theke ein Buch. Überlege, ob das jetzt eine sympathische oder unsympathische Pose ist. (Ich erinnere mich, wie ich in einer Nachtbar in Barcelona mit der "Ästhetik des Widerstands" begonnen habe, aber das war 1997, und es galt, die Nacht bis zum ersten Zug nach Tarragona rumzukriegen.) Leider stellt sich irgendwann heraus, dass es dieser Bestseller von Benedict Wells ist - "Vom Ende der Einsamkeit". Zum Feierabend steckt er das Buch zurück in eine Klarsichtfolie.


Geweint: Als die amerikanische Turnierin zum Goldsprung ansetzte (Barren) und der Reporter die Geschichte ihrer schwierigen Herkunft und Geschichte erzählte (ihr Name ist Simone Biles)

Fernsehrealismus, Stagnationsprosa
Der Geruch von Tischtennishallen
Neukölln, wir gehen hart

"Verbieten wir es uns also, von Gier zu sprechen. Öffentliche Figuren vom Papst abwärts bombardieren uns mit Vorschriften, der Kultur der exzessiven Gier und des Konsums zu wiederstehen, doch ist dieses Schauspiel billiger Moralisierung ein ideologisches Unternehmen, wie es im Buche steht. Der Zwang sich auszudehnen, der in das System selbst eingeschrieben ist, wird hier in eine Angelegenheit von persönlicher Sünde übertragen, von privater psychologischer Neigung."
Zizek, Das Jahr der gefährlichen Träume, S. 118
+ Klimabilanz
+ J.J. Voskuil


Montag, 15. August 2016

An die Hitze

Und wo kommt dieser hohe Ton jetzt her? Ist er in der Musik oder dem Fernseher oder ist es ein Echo eines der Vögel vor dem Fenster? Mein Bett ächzt auch. Als ob ich auf dem Gespenst eines sehr alten Manns liegen würde.

Sie rauchen aus dem offenen Wohnzimmerfenster auf den Hinterhof hinaus.
Schließ die Augen und geh weg
Ein niedlicher Kofferraum

Sie kippelt auf ihren 5-cm-Absätzen hin und her. "Also, er sieht schon ziemlich schlimm aus. Schon so alt und so. Aber vielleicht kann ich ihn ja trotzdem lieben."


Das Bild eines Feuers, eines auf einem Bettgestell aus Stahl verkohlten Körpers. Das Bild eines Dachstuhls, auf dem man sich eine Schlinge um den Hals legt. Ein verfallenes Landhaus, in dem man sich ganz langsam auslöschen konnte, in Alkohol auflösen. Ein Baby schrie, ich überlegte, ob ich das war. Andererseits nämlich die Süßigkeiten, der gesüßte Kaffee, vielleicht war es das, was mich am Platz hielt, die servile Haltung, die smaragdblauen Augen, die Körperform. Körper, die Wärme und Geborgenheit versprachen. Eine Jugend, der man nichts beweisen musste. Eine Form von Regression, in dieser Kleinstadt, vor der Konditorei. Niemand beachtete mich, niemand erinnerte sich an mich, was ich nur angenehm fand. So saß ich eine Woche lang jeden Tag liebestoll am Markt wegen einer Frau, die ich schon vor zwanzig Jahren hätte anmachen sollen (obwohl sie damals noch ein Kind gewesen sein musste). Meine dauerhafte Präsenz hatte allerdings noch einen anderen, sehr einfachen Grund: von Kaffee hatten meine Eltern keine Ahnung.



Gestrichene Stelle:

Sie wirkte, als ob sie nur kurz ihre Handtasche ausführen wollte. Ein Drink, dann wieder heim zum Hund, zur Couch, zum Fernseher, zur Pillendose.

Sie schien sich für unwiderstehlich zu halten. Eine weiße Königin, blass, hellblond, mit uferlosen Beinen. Sie schlug die Beine übereinander, eine markerschütternde Bewegung, die man noch in den äußersten Vororten spürte. Kaum vorstellbar, dachte ich, mein Sperma in diesem Glück. Eine weiße Königin mit verkratzten Armen, dabei gibt es keine Katzen in dieser Zeitzone, Katzen sind bereits ausgestorben. Eine Königin, vielleicht eine Agentin, eine verdeckte Ermittlerin, so war doch der offizielle Begriff, Jason konnte so etwas wissen, aber Jason sah nicht einmal hin.


Samstag, 13. August 2016

Stoptrein

Bilder aus Rotterdam.
Mutter sagt: Von der Wiege bis zur Bahre/ Formulare.

Im Stoptrein naar Zevenaar geht vor mir eine junge, stattliche Frau, sie lächelt mich an, als sie in der Wagonzwischentür im Weg steht, ich berühre sie am Arm, ein-, zweimal. Dann stehen wir hintereinander, fortan blicklos, ich hätte eine Unterhaltung anfangen sollen, habe ich aber nicht. Ich habe Muttern im Rücken. Keine gute Situation für einen Flirt.

Situationen, Begegnungen wie diese. Ich habe mich immer darüber gewundert, wie festgemacht, wie in ihre Leben eingesperrt die meisten Menschen sind. Es gibt keine schnellen Flirts, keine schnellen Körperlichkeiten, alles geht, wenn, dann langsam, man muss ein ganz neues Bezugssystem lernen, bevor man zum Zuge kommt.

Die Geschwindigkeit des Regens, sie liegt genau zwischen zwei Stufen des Autoscheibenwischers.


Alles wird in Flammen stehen.
Ein Pfannkuchenboot (Pannekoekenboot) fährt vorbei.
Essen als Abwehr, Essen aus Abwehr. Immer, immer essen. Süßes, Chips: legale Drogen.

Versuch über das Verschwinden. X. ist wieder einmal untergetaucht. Verschwindet in Arbeit, in anderen Zusammenhängen. Tagelang höre ich nichts von ihr, wochenlang sehe ich sie nicht. Als ob sie mir ausweicht. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Irgendwann kommt eine meist kryptische Nachricht. Vielleicht steckt aber auch sie einfach nur in ihrem Leben fest. (Noch weiter ausführen, für Roman.)

Es ist lächerlich. Als ob die Islamsierung tatsächlich das oder auch nur: ein Problem wäre. Die Probleme sind ganz andere. Die Rede von der Islamisierung ist nichts weiter als die übliche Verblödung. Aktiv und passiv.


Ein allerletztes Problemgedicht:

Albufeira


Sonne und Revolution, alte Konzepte
und Räume, die in der Erinnerung viel größer waren
Mach die Augen auf nach dem Sieg
wird es schwerer und weinen geht nur bei Gegenwind
Aber jetzt möchte ich einmal absehen von mir
 

Das Drama war eine Nebensächlichkeit
Egoismus und Verzweiflung, ein Abschlussbericht
von der Deep-Throat-Konferenz, mitten im Gefecht
des Nachts vor der Verführung, immer noch kriegslüstern
ein Dämon namens Liebe

Ich würde diese Wunschkonzerte gern leiser drehen
die Maschinen kalt abspritzen, abdämpfen
die Binnenwahrheiten, das tägliche Mantra
die Vorgänge, die beobachtet werden
Am Rande des Kais standen kleine Ölbäume


Donnerstag, 11. August 2016

Kermisdahl

Oma meint: Bingo ist Kitsch.

Ich sitze am Rand des Schwimmbeckens, ich sitze da wie eine Frau. Das eine Bein gestreckt, das andere, dem Publikum zugewandte, gebeugt. Klever Schwimmbad, Hallenbad Königsgarten. Kleve, lateinisch Clivia. Das Hallenbad ist ein Bau aus den 70er oder 80er Jahren, nackte Waschbetondecke, keine Verkleidungen, freie Sicht auf die Lüftungsrohre. (Männlich.) Sehr breites Becken. (Weiblich.) Ich sitze da und lese. Don DeLillo. Mutter schwimmt.

Neben dem Hallenbad, das in zwei Jahren geschlossen wird, weil es nicht mehr den Zeitansprüchen genügt - statt seiner wird ein Freizeitbad errichtet - befindet sich der Kermisdahl, ein Kanal, der zum Rhein führt.

Vater sagt: Die Männer von den Fidschi-Inseln/ haben Widerhaken an den Pinseln.

Elten, auch kurz für: Entleerten.


Abtrainieren.
Er wackelt den Ungarn an.
Wasser, das sich grün verfärbt.

Drei spanische Hipster spielen The Strokes in der Fußgängerzone. Es gibt eritreische Messen. Die Flüchtlinge sind so gut integriert, dass sie kaum auffallen. Nur mein Vater reitet weiter auf der AfD-Welle mit den üblichen Meinungen zu den ägyptischen Beachvolleyballerinnen (die anderen, die mehr Tape als Textil tragen, sind ihm egal) oder zu den traumatisierten Attentätern, die er natürlich alle untereinander verwechselt. Sogar die russenfreundliche Seite hat er übernommen, das jedenfalls ist neu.



Ein nächstes Problemgedicht.

Parlograf


Anna schläft mit den Freunden
Anna hat fragmentierte Träume, Anna träumt
fragmentiert. In ihren Träumen läuft

Spotify, eingestellt auf Heavy Metal.
Die Drehungen sind komisch. Ich hingegen
versuche, mich selbst zu therapieren.

Eine Blechmelodie, die nach
Bauchschmerzen klingt, eine aberernste
Notation, eine confiture automatique.

Ich kann nicht schreiben ohne mich
zu meinen, ich kann ich schreiben ohne
mich zu meinen, ich kann nicht schreiben.

Erlernte Hilflosigkeit, Vermeidungsträume
Du musst dich von den Menschen lösen, aber
ein defizitäres Gefühl wird bleiben, ein Sediment

mit Raumnot, sagt Anna, sie steht vor
dem Stundenhotel, wirft das Teeservice
in die Luft, als ob ihr alles egal wäre

Kontaktloses Bezahlen, tiefenstark
Kontakthypothese, rutschfeste Böden

Das sind alles Sätze, die müssen raus 

Dienstag, 9. August 2016

In den ärmeren Regionen

K. hat recht: mit Glück springt ein Nachmittag im Liegestuhl heraus.
Allein, das Wetter ist zu schlecht.
Der ausgefallene Sommer 2016.

Ich dachte an deine Stimme
Ich dachte an deine Leere

Hunger in 150m
Ein elektrisches Kribbeln in den Händen, ein böser Schmerz in der rechten Hüfte.
Ein Beziehungsbauch.

Das Blinzeln, das Lesen mit einem Auge, dann das Versinken in Musik, das Blut in den Lidern, der große rote Fleck, den man sieht.


Junge Mutter im Supermarkt. Russin oder Polin, slawische Wangenknochen, ausstrahlende Stille. Sie gleitet dermaßen ruhig durch den Supermarkt, lässt keinen Ton heraus, dass sogar ihre Kinder - zwischen 5 und 8, drei Jungs - ebenso ruhig sind. Eine Entenmutter.

Elten, Stadt Emmerich, Zollgrenzbezirk. Das hat sich mittlerweile gewandelt zu: Elten, Stadt Emmerich am Rhein. Kein Zollgrenzbezirk mehr, obwohl hier weiterhin der Zoll unterwegs ist. Statt "Elten" könnte da auch "Sterben" stehen, dachte ich bei der Einfahrt, aber obwohl hier alles dem Tode zugeneigt ist, auf den Tod ausgerichtet, stirbt tatsächlich ja niemand, alle leben jahre-, jahrzehntelang vor sich hin

Dunkelrot gebrannter Backstein überall. Häuser, Straßen, Gehsteige. Die Hässlichkeit Kölns wird hier noch einmal von einer ganz anderen, eigenen, natürlich kleineren Hässlichkeit übertroffen. Mitten in der Kleinstadt ist eine Brache entstanden, da, wo früher einmal der Rewe-Center stand, der irgendwann in den frühen Achtzigern für drei bis fünf Jahre das einzige Kino der Stadt beherbergte (das erste Kino, in dem ich je war - Das Dschungelbuch, Die unendliche Geschichte, Beverly Hills Cop). Nach Abriss des Rewe-Centers ist dort eine Brache entstanden, umgeben von provisorischen Drahtzäunen. Soll bebaut werden, heißt es. Man sieht die Rückseiten der Häuser in der Querstraße. Wirkt fast groß, dieser Platz, der einmal Neumarkt hieß. Warum pflastern sie ihn nicht, warum legen sie ihn nicht tatsächlich als Platz an, eine weite Fläche, die der ganzen Muffigkeit mal etwas Luft gibt

Deutscher Städtebau: hoffnungslos

Drumherum eine Stadt, die man ohne Weiteres komplett rückbauen könnte, um stattdessen Wald und Wiesen entstehen zu lassen, Rückbau nach Germanien, kein Verlust

Die heilige Christine, lese ich bei Großmutter, war eine Märtyrerin, die von ihrem heidnischen Vater dem Gericht überantwortet worden war. Weil sie sich nicht verheiraten lassen, sondern lieber Christin werden wollte. Darauf aber stand die (väterlich-heidnische) Todesstrafe. Vermutlich mit einem Mühlenstein im Meer oder im Tiber versenkt. Doch sie überlebte. Folgten noch zahllose andere Tötungsversuche. Diese Katholiken haben einen merkwürdigen Humor

Tasche vergessen, Tasche geholt
Vampire rufen an


Sonntag, 7. August 2016

Postprivatstraße (Köln)

1. Köln kann machen, was es will. Es wird immer tief in den fünfziger Jahren stecken. Es wird immer kleinteilig sein und wild gebaut, es wird immer zu eng sein und zu voll.

2. Defensive Architektur, klein und sexuell behäbig.

3. Frau beim Anblick der Liebesschlösser auf der Hohenzollernbrücke (mittleres Bild): "Man sagt ja immer so: 'Beziehungen, das ist nix', aber guck mal!"


Der Busfahrer lässt türkische Musik laufen. Zahnschmerzgesänge, während der Bus durch die rheinische Landschaft fährt, an den Wiesen, den Grünflächen, an den katholischen Backsteinbauten vorbei.
Diese katholischen Häuser.
Als der Bus anhält und länger stehen bleibt, beginnt ein Kleinkind in den hinteren Sitzen zu quängeln. Fährt nicht, fährt nicht!
(Das angetäuschte Losfahren: Schon mal Motor anlaufen lassen, dann noch minutenlang stehen bleiben.)
(Die Bauarbeiter, die ihren Bagger laufen lassen während der Mittagspause.)
(Die Kehrmaschine, die nachts um 12 durch die am Brüsseler Platz sitzende Menge pflügt und mehr Krach macht als alle Jugend.)
Echolalien, Echolalien


Köln ist eine Partystadt. Die Innenstadt über den Ring hinaus bis zum Aachener Weiher: voller junger Leute. Menschen zwischen 20 und 30, denen die Musik egal ist, denen die symbolischen Gesten egal sind, denen es nicht um Subversion oder so etwas geht. Sie sind in Bier interessiert, in Flirten und Herumstehen. Alles andere: vollends uninteressant

The dream is over, sagte ich nachts beim letzten Kölsch in der Kneipe, die früher von den Distinktionsgegnern aufgesucht wurde, also die von der negativen Übertragung, oder von uns, wenn wir mal wieder genug hatten vom Distinktionszirkus nebenan, und die jetzt nach der letzten Renovierung Wände hat wie ein chinesischer Imbiss in den achtziger Jahren

The dream is over, die Distinktionskämpfe sind gekämpft und restlos verloren worden, sind einfach zu dem zurückgestampft worden, was sie ohnehin schon teilweise waren: zu einem aufgeblasenen Nichts, dem die Luft ausgegangen ist

Klone haben das Regiment übernommen, das Kapital hat gesiegt, es ist alles austauschbar geworden, ja, andererseits - durch die Austauschbarkeit hat auch die potenzielle Quantität zugenommen, wo keine Distinktion mehr, da ist jetzt auch sexuell mehr möglich geworden, ein wahlloses Vögeln ist durchaus machbar geworden, habe ich jetzt nicht gesagt, aber an diesem Gedankengang durchaus rumgekaut

Man sollte immer reichlich junge Leute um sich haben, um nicht vollends zu verblöden oder allzu sehr ins Alter abzurutschen, ja, vielleicht, andererseits eben auch die Arroganz des Alters zeigen, ach

Paul Mason
Mark Fisher
Hauntology
das Phantomzeitalter

usw. usw.


Freitag, 5. August 2016

Wortblindheit

Es gab eine Situation, sagen wir, es war Weihnachten, eine Kreuzberger Bar, Heiligabend kurz vor Mitternacht. Meine Freundin, ihre Nachbarin, ein Freund mit Anhang, ich. Kaum war meine Freundin auf dem Klo, ging ich zum Angriff über, machte mich an die schöne Nachbarin, so der schon von mir etablierte Kosename, ran. Sie aber wehrte sich. Sie wehrte mich ab mit allem, was sie hatte. Leider spornte mich das zunächst erst recht an. Dann aber griff sie zu einer Beleidigung, die mich wirklich verletzte. "Du bist doch auch nur ..." plus eine Beschreibung, die mich traf, weil sie gemein war, aber auch überspitzt eine Wahrheit formulierte. Meine Freundin kam wieder, die Situation veränderte sich, wir hatten alle denselben Heimweg, was etwas merkwürdig war, die Beleidigung kam nicht mehr zur Sprache.

Als ich mich Monate später mit meiner Freundin traf, die inzwischen meine Exfreundin geworden war, sprach ich sie auf die schöne Nachbarin und meinen vergeblichen Versuch, diese anzumachen, an. Sie wusste davon. Sie wusste auch von der Beleidigung, wollte sie mir gegenüber allerdings nicht wiederholen. Nicht verraten - denn ich hatte den Wortlaut, den Inhalt vergessen (verdrängt). Ich versuche noch immer, mich an die Worte der schönen Nachbarin zu erinnern.

Was war es, das mich so traf, dass ich Tränen in den Augen hatte? Als ich wiederum ein Jahr später einen zweiten Versuch bei der Nachbarin startete, die sich dann erneut gegen mich und stattdessen für eine Frau entschied, entschuldigte sie sich für die Beleidigung, wollte sie aber nicht wiederholen, auch nicht auf meinen Hinweis hin, dass ich den Inhalt inzwischen vergessen hatte. Umso besser, sagte sie.



Stilistik

Sie trägt Pluderhosen. Oder sie trägt Dreiviertelhosen. Oder sie trägt einen Rock über einer Hose. Sie trägt Jacken einer bekannten Outdoor-Bekleidungsfirma. Sie trägt Funktionsjacken. Sie mag es bunt. Sie trägt einen Daumenring. 

Träume:
Ich bin angeklagt (als einer von dreien), habe aber meinen Text vergessen (das neuste Kapitel, das ich hier vor Gericht vorstellen sollte).

Vorher habe ich mich durchgesetzt, indem ich mit einem Messer Amok lief. Ich stach zu, ich schlitzte die Leute auf, ich stieß ihnen das Messer tief ins Herz. Im Vorübergehen.

Fragmentierte Träume. Ich träume fragmentiert.

Es läuft Spotify, eingestellt auf Heavy Metal

Die Drehungen sind komisch. Ich
versuche, mich selbst zu therapieren.

Kontaktloses Bezahlen, tiefenstark
Ich kann ich schreiben, ohne mich zu meinen
(aber ich kann nicht schreiben, ohne mich zu meinen)

Kontakthypothese, rutschfeste Böden, Ausgleichsbleche
Das sind alles Sätze, die müssen raus


Ihr Haus war wirklich ausladend groß. Es gab einen Kamin im Wohnzimmer und einen großen Flachbildschirm, aber es war schon spät, unsere Körper glühten schon, und sie verabschiedete sich ins Bad. Ich griff eine Mandoline, die auf einem Schätzchen stand, einem sehr alten, flachen Schrank, dem Traum eines Antiquitätenjägers, und spielte ein paar Takte Losing My Religion, obwohl ich strenggenommen nie eine besessen hatte. Meine katholische Mutter hatte vergeblich versucht, mir ihren Gott näher zu bringen, aber ich empfand ihn nur als Konkurrenz, und die sonntäglichen Kirchbesuche als lästige Prüfung in Langeweile, bevor es endlich zur Oma ging, wo die wöchentliche Tasse Kaffee mit reichlich Milch und Zucker als Belohnung auf mich wartete. Das bin ich da in der Ecke, das bin ich da in dem Schrank. Und jetzt stand ich vor einer Nacht mit der Königin.


Mittwoch, 3. August 2016

Das Dreiminus Girl

Jetzt sind wir auch in Marbach.
Aber auch hier, in den Weiten des Archivs.

August 2006:
2.8. Interview Box Codax. 3.8. Zutons im Lido. 4.8. Mir. 7.8. Interview Maximilian Hecker. 8.8. Ankerklause, Möbel Olfe. 9.8. Bateau Ivre. 10.8. Kiel: Lesung Forum der 13 im Luna. Irish Pub. 11.8. Lesung Nordkolleg Rendsburg. 12.8. Lesung Kiel: Prinz Willy. 13.8. Zurück. 14.8. Avastar. 17.8. Tischtennis. 19.8. Party Tom. 21.8. Minibar. 23.8. Party, Rote Rose. 25.8. Camera Obscura im Lido, Mysliwska. 27.8. Ringo. 29.8. Kino: Battle in Heaven. Cinema Café.


Eintrag vom 2. August 2012:

Zeitkolonien

Wir verirren uns auf dem Weg zum See. Im Dorf soll es eine Liegewiese geben, wir biegen nach links und geraten in einen Wald aus Greisen. Senioren und Seniorinnen, die die frische Luft genießen, pausieren von ihrem Aufenthalt in der kardiologischen Klinik hinten auf dem Hügel. Wir fahren weiter, immer am See entlang, irgendwann wird die Strecke immer einsamer, bis -

Zeitkolonien, der hohe Ozonwert im Wald
Die sieche Tante, die eine Atmosphäre von Verfall verbreitet

eine Kutsche erscheint. Eine Pferdekutsche. Es gibt kaum ein Tier, das es hier nicht gibt. Waschbären, Mäuse, Greifvögel. Ein kleiner Bus, der mit dem comichaften Bild eines Bibers verziert ist, holt die Kinder vom Schwimmbad ab. Das Strandbad Wolletz ist eine Erleichterung. Eine Erscheinung. Wir fahren einmal ums Gelände herum, stellen die Räder ab, für den Eintrittspreis ist es zu spät, aber es gibt Schwimmbadpommes und Schwimmbadfanta und das Wasser ist kühl, aber nicht kalt, und klar, und es gibt Fische, die über den moosweichen Boden ziehen, und ein Tretboot in Form eines Schwans.

"P.H." steht auf den Büchern, die B. liest. Sie arbeitet draußen an ihrer Doktorarbeit.

Der Versuch, an den eigenen Stimmungen vorbei zu schreiben. Der Ton ändert sich nicht. Ich glaube, ich würde es merken, wenn sich der Ton änderte.

Wir nehmen den anderen Weg zurück. Lange Steigungen holen mich aus dem Sattel. Eine lange Abfahrt führt an einem Hof mit einem kläffenden Schäferhund vorbei. In der Nähe des Forsthauses erwarten uns zwei Schafe, sie schauen treudoof herüber, rühren sich nicht. Die Hühnerschaft samt Hahn posiert auf dem Nachbarhof.

Das Haus ist still, neuer Besuch kommt erst morgen. Ich überspiele die Stille mit Musik.



War ihr egal, dass ich sie anguckte.
Mein Spiegelbild sah besser aus als ich. Als ich in der Wirklichkeit. Als die Wirklichkeit.

Sie trugen Turnschuhe, die aussahen wie klobige Miniaturraumschiffe.
Sonne und Revolution, alte Konzepte
Räume, die in der Erinnerung viel größer waren

"Toni Erdmann": zurecht gefeiert? Also, ich fand ihn gut. Sandra Hüller unvergleichlich. Das Einzige, was mich störte, waren die regionalen Hintergründe: Aachen. Autos mit Aachener Kennzeichen. Aachener Gegend. Toni Erdmann liest eine Aachener Zeitung auf dem Flughafen. Aber warum spricht er österreichisch? Seine Tochter, "Ines", die nicht ohne Grund so heißt, hat keine Färbung.



Montag, 1. August 2016

300

Sie mag keine Stehspiegel, die auch hängen könnten. Es stört ihr Chi, sagt sie.
Beim Inder bestellt sie ein Currygericht ohne Reis, ohne Nudeln, ohne Kartoffeln, weil sie ihr Gewicht halten will. Sie isst Fleisch mit Soße und etwas Gemüse.

"Warum sollte mich Ihr Scheißkind beeindrucken?"
"Sehen Sie, jetzt schreit es."
"Ja, eben!"

Tilman Rammstedt "klaut" mir die Beschreibung einer Neurose. Protagonistin muss alles doppelt ausführen. Seine Begründung ist allerdings besser.
("Morgen mehr" lustig. Ich war fünfzig Seiten lang skeptisch. Dann baut er zwei Szenen, die mich kriegen. Mehr bald.)


»Vielleicht hast du recht, und es gibt hier nichts zu holen«, sagte ich zu Jason, der sich zu uns gesellt hatte. Er nickte leicht und sagte beiläufig etwas zu der Frau auf dem Hocker neben mir, das ich nicht verstehen konnte, etwas, das lustig gewesen sein muss, jedenfalls kicherte sie. Damit hatte er den Kontakt aufgenommen, er fügte noch ein, zwei Sätze hinzu, scherzhafte Bemerkungen in der rechten Tonlage, in einem Flüsterton, der Intimität signalisierte; und schon begann sie, unruhig auf ihrem Hocker herumzurutschen.

Irgendwie erinnerte sie mich an wen. Es gab eine Frau namens Martha, die ihr ähnlich sah. Martha hatte eine ausgeprägte Neurose. Eine Vorliebe für Zahlen. Sie zählte andauernd. Sie wusste, wie viele Schritte sie vom Bett zur Bushaltestelle brauchte; und wenn sie im Bus saß, zählte sie die Autos, die den Bus überholten, und die, die auf der anderen Seite dem Bus entgegen kamen. Eine Freundin hatte sie eines Tages in das Magazin eines Industrieunternehmens vermittelt; ein Lager voller Schrauben, Nageln, Muttern, die sie ausgiebig zählen konnte. Sie zählte sie alle. Sie wusste noch Jahre später, wer sich wann wie viele Schrauben genommen hatte und wie viele davon zurück kamen. Die Ähnlichkeiten zu Martha waren aber rein äußerlich. Ein ähnlicher Blick, eine ähnliche Fingerhaltung, eine ähnliche Haarfarbe aus der neuen Produktreihe der führenden Marke.


August 2007:
1.8. Kino: Death Proof, Cinema Café. 3.8. Ankerklause, Freies Neukölln. 8.8. San Remo. 9.8. Murat Topal in der Ufa-Fabrik. 14.8. Lombardo. 15.8. Lesung Max & Moritz. 17.8. Ankerklause, Monarch. 18.8. Bootsfahrt, Café M, Party. 22.8. Interview E.Z. J. Roth. 23.8. Party. 24.8. Lombardo. 27.8. Interview Franziska Petri Lombardo. 28.8. Lesung Monarch. 29.8. Interview Laura Tonke Hackbarths. 31.8. Kapaikos im White Trash.