Dienstag, 30. August 2016

Zentralanlage

Hören Sie das? Riechen Sie das?
Wie wäre es für Sie, auf zwei Sinne reduziert zu sein? Etwas unheimlich, nicht? Dabei ist die Zuordnung gar nicht so schwer. Hören Sie: ein offener Supermarkt. Das Piepen der Registrierkassen. Das Rasseln der Einkaufswagen. Oder täusche ich mich? Atmet jemand laut oder ist es doch eine Klimaanlage?
Ein Türluftschleier. Ein Paar, das sich unterhält. Ist es ein Paar? Kann man es jemanden anhören, wann er oder sie zuletzt Sex hatte? Hört man es jemandem an, welche Kleidung er trägt? Kann man Farben hören?

Manchmal gibt es Gleichzeitigkeiten. Zwei Scanner kommen zugleich. Zweimal ein Piep, ein Piepzweiklang. Zwei Fahrräder, die angeschlossen, abgeschlossen werden.
 


Magermotoren. Sofort werfen sich Personenschützer auf die schreienden Frauen. Neue Folgen, ganze Folgen. Das neue Berlin. Man kommt zu nichts.

Frauen ab 30, die einem Plan folgen, die nicht mehr die große Liebe suchen, sondern einen möglichen Vater ihrer Kinder. Sie treffen auf Männer ab 35, die keinem Plan folgen, sondern immer noch oder immer wieder die großen Liebe suchen, und nur äußerst selten eine mögliche Mutter ihrer Kinder (und wenn sie die große Liebe nicht finden, dann wollen sie wenigstens Sex). Wie soll das funktionieren? Frauen in Datingportals: Sie beschweren sich über die Anfragen nach flüchtigen Affären und Onenightstands. Männer in Datingportals: Sie beschweren sich nicht über die Frauen, die Romantik vortäuschen, aber Kleinfamilie wollen und die unverbindlichen Angebote in den Wind schießen.

Nettes Buch: "Fotzenfenderschweine" von Almut Klotz. Direkt neben "Bilder deiner großen Liebe" von Wolfgang Herrndorf einzuordnen. Fragment mit Potenzial, das charmant ist und ausreichend. Das aber zu viele Fragen offen lässt.





Alea hielt das Bad besetzt. Ich warf mich aufs Doppelbett und spielte mit dem Handy, griff nach der Fernbedienung und schaltete den kleinen Fernseher ein, der auf der billigen Kommode jenseits des Fußendes stand. Auf der Bildfläche erschien ein einheimischer Sender mit einem erratischen Symbol in der oberen rechten Bildecke. Ein sich gemächlich drehender, blauer Diamant, der mit einer starren, weißen 5 trächtig war.

Es lief eine Nachrichtensendung. Nach dem Wetterbericht (von einer Regenfront war noch nichts zu sehen, die Windstärke nahm allerdings zu) begann eine Konferenzschaltung. Acht Köpfe erschienen in einem achtfach geteilten Bild, eine überörtliche Talkshow. Man sah also acht Journalisten, sechs Männer, zwei Frauen, und von den acht machten die sieben, die gerade nicht sprachen, einen bemüht konzentrierten Eindruck. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, konnte aber ihre Gesichtsausdrücke lesen: Fremde Gesichter mit den gleichen Gesichtsausdrücken wie die Menschen, die ich von der Arbeit kannte. Menschen, die bemüht waren, einen professionellen Eindruck zu machen. Sie sahen ernsthaft besorgt aus.

Sonntag, 28. August 2016

Attractivity Gap

Die Geschäfte laufen so weit. Working on my novel. Ich fordere mein Handgelenk.
Die Sonne gibt sich Mühe, der Schallplattenspieler zickt herum.
Europa in der Krise.

Ich gelte in der Bevölkerung als populär. Geisterorgeln im Hintergrund.
Emotionale Erschütterung: Ein Kind schrie, als ob es selbst noch ein weiteres gebären würde.
Ein defensives Seeventil. Alle Favoriten werden gelöscht.

Zwei neue (Blogleser könnten sie kennen) Gedichte von mir gibt es in dieser Anthologie, die ansprechend fett ist: "All dies hier, Majestät, ist Deins". Mein erster Auftritt in einem kookbook, zudem. Bitte bei den handelsüblichen Verstärkern bestellen.


Geheult bei der Stelle "I've got a chip on my shoulder that's bigger than my feet", weil das genau die Stelle ist, die es auf den Punkt bringt. Beatles, I'll Cry Instead.

Danach bei irgendeiner rührigen Stelle in einem Rührfilm geheult. Keine Ahnung.

Eine Affäre ist auch deshalb eine Affäre, weil man sich für sie schämt. Für die Affäre selbst und für die Person, mit der man sie hat. Das ist der Grund, warum man sich nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen möchte. Das ist der Grund, warum eine Affäre eine Affäre ist: und als solche eben geheim bleiben muss, versteckt, heimlich. Ansonsten wäre sie auch keine Affäre. Sondern so etwas wie eine richtige Beziehung.


Immer noch dasselbe Schema.
Ich kaufe Milch.

Gestrichen:

Wir hatten kaum ein paar Worte miteinander gewechselt, da erschien Silvia. Sie wirkte freundlich und hell. Sie umarmte uns, während wir sitzen blieben, und setzte sich neben Alea. Sie wirkten auf eine Art vertraut miteinander, die mich merkwürdig beunruhigte. Silvia und Alea tauschten sich auf Englisch über Hotelbesitzer und das Fotografieren von Mahlzeiten aus. Ich drehte mich weg, während sie sich immer näher zu kommen schienen. Dann hatte ich einen Gedanken: Ich hätte sie gern aus dem Meer steigen gesehen. Aber das Meer war wütend, vermutlich über etwas, das weit draußen stattfand. Und wen hätte ich lieber aus dem Wasser kommen sehen? Alea oder Silvia? Beide, dachte ich jetzt, beide.

Freitag, 26. August 2016

Nacken an Heaven's Door

Meine Mutter als Sünderin. Weil, von Männern zugewiesene Position: die Pfarrsekretärin. Also die, die eines Tages ein Verhältnis mit ihrem Chef unterhält.

Das Lachen im Wald. Wir haben so gelacht, als wir durch Borghees fuhren. Ja, haben wir. Als R. anrief, um mich daran zu erinnern, hatte ich gerade einen anderen Sentimentalitätsanfall, der von der Beatles-Platte herrührte, die ich aufgelegt hatte. Ich hatte die Beatles entdeckt, ca. 1982, da waren sie schon seit 12 Jahren Geschichte (was von heute ausgesehen damals gar nicht so lange her war - allerdings spielte sich die Trennung der Band eben bereits VOR meiner Geburt ab). Keine andere Musik habe ich seitdem nur entfernt so oft gehört. Unbestimmt sentimental war ich also schon in meiner Jugend, eigentlich auch schon vorher.

Ort im Mecklenburgischen: Paltrow.

Man stelle sich eine Kleinstadt vor, die sich auf ein Zentrum hin konzentriert: die "Behandlungszone". Ein Krankenhaus, umgeben von einer neu gestalteten Geriatrie, daneben ein Altersheim. Die umliegenden Miethäuser werden nach und nach abgerissen, die so entstehende Brache wird zur Grünfläche umgestaltet, und die dann konsequenterweise zu einem Friedhof.


Das Horoskop von heute hatte ich schon mal:
"Krisenstimmung, weil Venus ihnen nicht hold ist. Leicht kommt es zu Machtkonflikten. Weit und breit kein Flirt in Sicht. Hektik und Stress sollten Sie heute vermeiden. Sagen Sie alle entbehrlichen Termine ab, legen Sie einen Verwöhntag ein."

I've lost that loving feeling.

Der Planet ist ernst und mir wachsen Grabsteine aus den Armen. Sie sehen wie Waschmaschinen aus. Kleinformatige Waschmaschinen, die ich mit den echten Waschmaschinen abgleichen konnte. Vielleicht waren es auch Uhren. Die Waschmaschinen standen keinesfalls in einem Waschsalon, sondern auf einem Friedhof. Die Zeit läuft ab, der Planet ist ernst, und ich habe das liebende Gefühl verloren.

"Die infantile Einstellung ist beide Male sehr deutlich; erst die kindliche Maßlosigkeit, die das Ziel der Wünsche mit niemandem teilen will, dann die ebenso kindliche Reaktion mit Trotz: Wenn es ihr mir nicht gönnt, so behaltet es für euch, ich will jetzt gar nichts haben."
Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 266



Umgebungsbedingte Befindlichkeitsstörung. Ein ausgebremster Planet.
Trockene Augen, ausgetrocknete Augen. Etwas nicht sehen wollen. Verheulte Augen.
(Gestern das kristallklare Wasser im Sportbecken; die Blasen und Körper.)
Wiederholungsschleifen.
Reparaturen am Ich.
Hineinwollen in etwas. In sie. In einen Zusammenhang. In etwas Neues. In etwas Fremdes. Ins Wasser. Ins Becken. Ins Auge
Hineinwollen in sie, sie hält es mit einem anderen.
Prüfblicke auf Displays, alle paar Minuten, schon banal. Schon jetzt banal.
Schwach lieben, stark lieben.
Ich war von ihr wenig befriedigt.
Planet, ausgebremst.



Mittwoch, 24. August 2016

Table d’hôte

Ich war tief bewegt.
Urteilsstörung durch Beziehungswahn.
Aber pikant schön.

"Sie geht wie eine Schwangere."
"Sie ist schwanger."
"Und sie hat einen Hintern, auf dem man einen Korb abstellen könnte."

Vor mir in der Schlange ein Schrank. So stark tätowiert, dass gar kein Platz mehr für den Eintrittsstempel ist.


Über das Altern, 1:
"Fast legendär war die Weigerung Mike Theissens, Light-Getränke auszuschenken. Da will Anne Vorwerk nicht päpstlicher als der Papst sein. "Viele Gäste, die zuckerkrank sind, trinken nunmal Cola-Light", sagt die Wirtin, die übrigens ihren Vollzeitjob gekündigt hat, um das Erbe von Mike Theissen anzutreten." Rheinische Post

Über das Altern, 2:
"Und was bei meiner Ankunft Gesichter ohne Bedeutung oder Inhalt gewesen waren, bei denen ich folglich bloß Alter und Typ wahrgenommen hatte, etwa so, als wären sie Tiere, ein Bestiarium der Vierzigjährigen mit allem, was an toten Augen, steifen Lippen, hängenden Brüsten und schwabbelnden Bäuchen, Falten und Wulsten dazugehörte, sah ich nun Individuen in ihnen ..."
Karl-Ove Knausgard, Sterben

Über das Altern, 3:
"Es ist ganz schön heiß hier drinnen."
"Findet ihr? Das sind wohl die Wechseljahre, was?"

Über das Altern, 4:
folgt


Die wesentlichen Vorgänge eines Akts waren immer noch dieselben. Nähe und Distanz kamen bei den Höhepunkten zusammen, danach entschied sich das soziale Gewissen oder irgendetwas anderes für das eine oder andere. Ich lag noch lange hormonbetäubt da. Schwach und alt. Mein Arm fühlte sich an wie ausgeleiert, in meinen Füßen zuckte es, mein Nacken schmerzte. Fast ihr ganzes Gewicht lastete auf mir, aber ich hatte nur sanfte Gedanken, einen weißen Frieden, den wir teilten.

Andererseits hätten wir nicht entfernter voneinander sein können. Aber das war wie gesagt beim Sex und danach immer so. Es gab schließlich keine Verbindung, oder vielleicht doch, aber es war eine andere als die, die man sich gemeinhin vorstellte. Im Himmel bist du, wenn du von der Frau, die du liebst, einen Blow Job bekommst, dachte ich. Ich stellte mir Planquadrate vor. Die Eckdaten von Planeten. Ein fernes Rauschen, einen Glücksmoment. Die Frau neben mir rührte sich, sah mich an. Worte kamen aus ihrem Mund, der wie wundgescheuert aussah, verstreuten sich im Raum, kamen aber irgendwie auch nicht näher.

»Was willst du?«, fragte ich.
Sie antwortete irgendwas, da war ich fast schon wieder weg.
»Und jetzt? Und wie jetzt weiter?«, das war die Frage. Aber ich verscheuchte sie, ich wohnte schließlich nicht hier, und dies war kein Moment für Entscheidungen.
Aber das Blau ihrer Augen leuchtete stark.

Später schlief ich ein und träumte von meiner Abiturfeier, bei der ich als meine Englischlehrerin aufgetreten war, in drags.

Montag, 22. August 2016

Macht durch Liebe

Die Wiederentdeckung der Außerirdischen. Liebe ist Auszeit vom Druck, konsumieren zu müssen, meinte Houellebecq im Fernsehen, was immer noch nicht stimmt.

"Auch der neue Papst ist Autor", da sind sie grün mit.

Es gilt, in aller Vorsicht, zwei Bücher anzuzeigen. Im November/Dezember diesen Jahres wird "Wart und Gegenwart. Gedichte" erscheinen, und zwar in der Kölner "Parasitenpresse". Im Herbst 2017 erscheint das Buch zum Blog - "Die Suche nach dem Glam", Textfassung, in der edition taberna kritika in Bern. Weiter in der Warteschleife: "Tod deines Todes", Erzählungen. Work in progress: "Unter Schmerzen. Roman". Bleiben Sie dran.





Aufgewacht und mich so über den Traum gefreut, dass ich ihn im nächsten Traum gleich weiter erzählen musste

Und weiter im Regal.

"Wir suchen keine Spieler, die schon der Abendsonne entgegenreiten" (H.J. Watzke)
"Was mich viel mehr stört, ist dieser Fleck auf meiner Brille."

"Sie ging als Po der Band in die Geschichte ein"
und bewegt sich, als ob ihr Blei eingeflößt worden wäre

"Klicken Sie auf Bilder zu sehen."


"Du meinst, als wir die Laternen ausgetreten haben?"
"Nee, ich meine vorher, als wir nach Moers gefahren sind. Wir sind nach Moers gefahren auf diese Indiedisko, die dann voll die Grufti-Veranstaltung war. Und all seine Kumpanen waren da. Mit ihren Tollen und Perücken und dem ganzen Plüsch und den sechs Kilo Haarspray überall. Und wir haben da dann herumgesessen und denen bei ihren Marschtänzen oder Tanzmärschen zugesehen und diese schrecklich kranke Musik mitangehört. Bis dann endlich was kam, was wir auch gut fanden."
"Und zwar."
"Joy Division. Love Will Tear Us Apart. Und dann sind wir auf die Tanzfläche gestürmt, während diese Typen und Frauen, die alle aussahen wie aus einem Kostümfilm über die Zeit vor der französischen Revolution, also all diese gepuderten Typen, die saßen dann da und kicherten. Die kicherten tatsächlich über uns. Das muss man sich mal reinziehen!"
"Ja, Mann, krass."
"Das war fast schon witzig. Das war fast wie von Omas ausgelacht werden, wenn man unbedingt Krocket spielen will oder so."


Samstag, 20. August 2016

Natalistische Propaganda

So jung wie heute morgen bin ich jetzt schon nicht mehr.
Parteilose Instrumente.

Die Maschine sah hellgrau aus, sie deckte sich mit dem Himmel, sie trug eine Leuchtschrift an der Seite, die ich aus der Entfernung natürlich nicht lesen konnte. Ich stieg aus dem Taxi und senkte den Blick. Ich betrat die Flughafenhalle und verhielt mich unauffällig. Ich sah ein Szenemädchen, das auf ihrem Koffer saß. Einchecken, Passkontrolle, neue Leuchtschrift, gleichfalls unleserlich. Kurz vor dem Flug suchte ich die Toiletten auf. Stechende Spiegel, unerbittliches Licht, dabei ungut bedudelt werden, Musik für Flughäfen.

Die Mattenleiterin greift persönlich ein.
Aber wo geht dieser Pass hin?

Schon bald meldete sich das Büro wieder, die Redaktion schickte unangemessene E-Mails, bat um sofortige Rückkehr. Im Landhaus wurden letzte Fotos gemacht. Ich hatte die Wörter wiedergefunden, ich schrieb sie schnell nieder, ich hatte nach sensiblen Dokumenten gesucht. Zum Glück meldete die Fluggesellschaft, dass man den Flughafen (Flugzeuge sind eben doch Schiffe, Luftschiffe, weil sie in einem Hafen landen) rechtzeitig wieder schiffbar, wieder flott gemacht hatte, die Wörter sahen schön aus, sie waren schmuck und schimmerten. Dann saß ich wieder in einem Taxi, ich saß im Transit und schaute durchs Seitenfenster dem wackelnden Wald zu, dachte an die einfachen Verhältnisse, aus denen ich kam, und aus denen ich wieder ging. Enteilende Landschaften.


Es war alles, wie es sein sollte. Das Gebäude war ein Funktionsbau aus den achtziger Jahren, durch das hartes künstliches Licht fiel, es gab Deckenfenster, aber die Sonne war zu schwach. Die Menschen unterschieden sich in vier Kategorien. Es gab die Patienten, die Pflegekräfte, die sich in Raum- und Körperpflege unterteilten, und das medizinische Fachpersonal. Alle verhielten sich nach Vorschrift: Die Patienten schlurften durch die Halle, saßen auf den Bänken, warteten auf Termine, wechselten ein paar lose Worte, schoben sich mitsamt ihren Infusionsständern zu den ausgelagerten Raucherecken, strömten allesamt eine Aura von Verderbnis und Verfall aus, von Siechtum und lethaler Inkubation. Sie waren wie Parias, die sich hier versammelt hatten, man wollte sie keinesfalls berühren, auch nur irgendetwas mit ihnen zu tun haben, jedenfalls ich nicht, ich wollte eigentlich nur dringendst hier weg. Die Raumpflegekräfte, meist weiblich, waren mürrisch oder lethargisch, sie wischten den Staub ihrer Existenz aus den Hallen, die medizinischen Pflegekräfte waren aufgeweckter, wirkten betriebsamer, hielten verbalen Kontakt untereinander; das medizinische Fachpersonal war unsichtbar, abwesend, und wenn es wie eine Sternschnuppe doch einmal zu sehen war, verschwand es rasch wieder hinter den Kulissen.