Donnerstag, 30. Juni 2016

Schwall

Vater schrieb:

Meine Mutter war und ist sehr eigensinnig, hinterlistig, herrschsüchtig und eine exzellente Schauspielerin.

Um ihren Willen durchzusetzen, schreckte sie vor nichts zurück, sie war hemmungslos. Wenn es nicht anders ging, hieß es: abhauen, alles stehen und liegen lassen. Vater musste hinterher und wieder kleine Brötchen backen. Das kam leider sehr oft vor. Aber mit der Zeit wurde sie raffinierter. 

Das Motto auf der Todesanzeige lautete:

Als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Hügel zu steil und das Atmen zu schwer wurde, legte er den Arm um sie und sprach: Komm heim.

(Kein Psalm, keine Bibelstelle, ein Fakespruch.)

Die Exequien werden begangen, Sankt Barbara, Trompeter Straße, Friedhof Locher Weg.



Ich hatte einen perfekt faulen Tag hinter mir. Ich tat nichts. Ich machte die Steuer nicht zu Ende, ich schrieb den Artikel nicht fertig. Ich ging einkaufen, ich saß im Kaffeehaus und las die Zeitungen, ich hörte Musik, als ich wieder zu Hause war, und las einen amerikanischen Roman, der in New York spielte. Ich las nur noch Romane, die in New York spielten. Ich war noch niemals in New York. Es war vielleicht so, dass mir die Romane die Reise dorthin ersetzten. Denn ich hatte überhaupt nicht vor, nach New York zu reisen. Jemals.

Ich erinnerte mich an den italienischen Badeort. Der Geruch nach Benzin in den Autobahnraststätten, den Tankstellen von AGIP. Der Geruch nach Melonen, nach aufgeschnittenen Wassermelonen, der Geruch nach Honigmelonen. Der Geruch eines frisch gebrauchten Handtuchs. Das Gefühl, in Badelatschen über Steinboden zu gehen, das Gefühl, Sand in die Kantine zu tragen. Die Jukebox mit Prince und Madonna und italienischen Schlagern. Die Spaghetti, die ein Hauptgericht waren für uns, und die wir mit Gabel und Löffel aßen, deutsche Banausen, die wir waren.

Abends traf ich mich mit einer Frau, mit der ich einmal geschlafen hatte. Nein, im Grunde hatte ich mehrmals mit der Frau geschlafen, es war lange her, und im Grunde war es tatsächlich nur dieses eine Mal gewesen. Wir waren nicht füreinander bestimmt gewesen. Ich hatte eine Rolle, die ich ausfüllen sollte, jedenfalls kam es mir so vor, die Rolle meines Großvaters, eines sich um die Dinge und die Frau kümmernden Manns. Aber diese Rolle behagte mir nicht. Ich glaube, dass der Freund der Frau, mit der ich vielleicht sechs- oder siebenmal geschlafen hatte, genau in diese Rolle passt, also passt er genau zu ihr, und sie ist glücklich, auch wenn sie manchmal an einen anderen Mann denkt, der aber ebenfalls nicht ich bin, ihre vergebene amour fou.



Ich kann die Bewunderung Friederike Mayröckers nicht nachvollziehen. Marcel Beyer ist nur sechs Jahre älter als ich, was mich sehr erschreckt, da er mir betriebsintern ganze Dekaden voraus zu sein scheint. Ich habe ihm und seinem Schaffen gegenüber Respekt. Aber die Bewunderung der Mayröcker, dieses Anklinken an ein Vorbild, an eine Wahlgroßtante in der Literatur, habe ich nie verstanden. Ich mochte "Das Menschenfleisch" und ich mochte "Flughunde", aber "Spione" war eine große Enttäuschung. Seine Gedichte, auch seine späten, mochte ich. Aber er tauchte, wie so viele vermeintliche Größen, die damals durch Köln spukten, für mich glücklicherweise wieder ab. Irgendwann las ich noch "Nonfiction", das mich positiv überraschte, aber "Kaltenburg" hat mich überhaupt nicht interessiert. Auch "Putins Briefkasten" nicht. Friederike Mayröcker ist im Alter meiner Oma und hat sie nunmehr überlebt. Marcel Beyer ist ein Professorensohn, so wie Nora Bossong eine Professorentochter ist. Sein Artikel über die Mayröcker, der Mittwoch in der FAZ stand, war gut, aber nicht perfekt. Es gab Fehler. Und alle Zitate aus dem Mayröckerschen Werk fand ich irrelevant bis grotesk.


Mittwoch, 29. Juni 2016

Beitrag für Bekanntmachung

Rehasport. Neuerdings setzten sich alle vorbereitend auf die Gummibälle.
Da die Heizung nicht gebraucht wird, können wir wieder in den großen Raum im Keller.
Die Vorturnerin mit der Rechts-Links-Schwäche ist da. Es gibt Turbulenzen beim Nachmachen.
Eine junge Frau mit einem T-Shirt, auf dem steht: SAME CLINIC, DIFFERENT DAY turnt mit.

Sei einzigartig. Entschuldige dich nie. Gehe keine Kompromisse ein.

Benching & ghosting
Spatzen im Sinkflug
Steine: herzlos, kalt und unversöhnlich

Sie mag den Kirchturm in meinem Fenster. Sie mag die Kita, den Garten, die Katzen, die sich nachts Kämpfe liefern und schreien.

Ich erinnere mich an folgenden Dialog:
- Komm, schlafen.
- Nein, noch nicht schlafen.
- Warum nicht?
- Weil: poppen.
- Okay.


Der Körper neben mir atmete schwer. Er war schon eingeschlafen, wie es schien. Aber nein, er bewegte sich, und dann sah er mich an.
"Ich weiß doch."
"Ja."
"Und du weißt es auch."
"Manchmal."
"Manchmal ist es", fuhr sie fort, "als ob ich in der Realität feststecke wie in einem Traum. So, dass ich dann schreien möchte, um endlich aufzuwachen."
"Ja."
Ich machte ihr eine Liebeserklärung. Das wirkte.
"Irgendwann will man nicht mehr, dass Zeit vergeht", sagte sie.
"Ja."
"Ich weiß doch. Ich weiß."



Klickstrecke mit Spielerfrauen. Warum klicke ich mich da durch? Um Vergleiche anzustellen? Die Spielerfrauen sind in der Mehrzahl Models. Mal werden sie auch als Mannequins bezeichnet. Sie sehen gut aus, aber die Männer auch; mein Typ Frau befindet sich nicht darunter. Es ist nicht das Demonstrative, dieses Bündnis zwischen Schauwerten, also zwischen der Fußballshow (der Sportschau) und dem Laufsteg, der bis auf die Zuschauerränge führt, das mich interessiert. Es ist der unbewusst dargestellte Backlash, die Rückkehr zu alten Beziehungsmustern: der Held, der Kämpfer, und an seiner Seite die stolze, schöne Frau (die, moderne Version, auf ihre Art erfolgreich ist und kämpft, nämlich als Model oder Mannequin - oder Moderatorin, etc.). Und nein, es gibt keine Bilder von Paaren in der Krise. Paaren, die miteinander fremdeln. Einer Frau, die den Support verweigert. Vielleicht ist es das: Der Mann möchte supportet werden, direkte Unterstützung von den Rängen aus, das ist Liebe. Ja, das ist es.

Oma: Analytikerin sagt, dass es vielen schwerfällt, im Beisein der Angehörigen zu sterben. Die Verbindungen sind zu stark. Sie brauchen die Einsamkeit, um sterben zu können. Und ich habe gleich wieder die Rache vermutet. (Die Rache, aber auch die Verzweiflung.)


Montag, 27. Juni 2016

Haste Bock? T-Shirt

Sie fuhren auf Sicht. Sie ließen die Stadt, in der sie lebten, auf sich wirken. Die Stadt knetete ihr Empfinden auf eine angenehme, sanfte Art. Häuser schauten sie an. Sie schauten zurück. Die Häuser hoben sich aus den Böden an den Seiten der Straßen. Sie wirkten sehr nah. Wohnwände, Wohnkästen. Sie fuhren durch die Outskirts der Stadt, die man um die vorher errichteten Wahrzeichen herum gebaut hatte. Brunnen, Tore, Türme. Eine ausgestreckte Stadt mit digitalen Fenstern, in denen es blau flackerte. Ich war über diese Stadt hinausgewachsen. Manchmal taten sich Lücken auf, und in den Lücken standen Bäume, trotzig und verbogen. Manchmal eröffnete sich eine kleine Budenwelt an einer Straßenecke.


Ich halte Hof
Ich weiß auch nicht, wo dieser permanente Geruch nach Angebranntem herkommt
Von mir kommt er nicht
In Anwesenheit angenehm junger Eltern entspanne ich mich
Auch eine Art Regression
Sie sangen mir Otis-Redding-Songs vor, wortgetreu
Ach ich vermische wieder alles

Großmutters Tod: Ironie der Geschichte, dass sie schließlich doch nicht zu Hause, in ihrem Geburtshaus gestorben ist. Sie wollte nicht im Altersheim sterben, aber mein Onkel hatte sie vorübergehend dorthin geparkt, weil er in den Urlaub wollte. Irgendwie logisch, dass sie noch am selben Tag dort starb.

+ EM hier, hier und hier auch


Passt wahrscheinlich gar nicht: das nächste Gedicht, ein alter, gepimpter Klassiker (haha).

Ungedicht


Keine Sicht im Austraum! Ihm kam's
blauäugig unter Salzduschen, nicht zu sagen was
da von der Stange fiel.
Ging was unter, huschte
vorüber, so gesehen nächtens blond?

Nackt unter einer Nackten, gestohlene Stunden
Vor einer Sekunde noch fuhren Trockenschiffe
den Rhein hinauf, nur ich lag tagelang unbemerkt
im Hafen

Im Fixierbad, in der leeren Wohnung
Ein Handtuch hat sich von der Stange gestürzt
Wasser schwappt, Kälte kriecht

Da fehlt ein Ring, ein Rückschlagventil
Da muss man noch die Decken ertüchtigen
Nichts als Schönheit, nichts als Mut

Ein recycleter Moment, das
Kontaktdebüt wurde Fallbeilspiel, tief verholzt
mit Plantassen, im Koppelverband, Frauen
im Tang (Magritte), um klarer zu werden: Muschelmaid –

So wurde ich Orange, trieb Puppentalk, schließlich
willig dem Abschied nach jeder

Samstag, 25. Juni 2016

Humpfelig

Es lag kein Missbrauch vor.
Die Absolution erteile ich mir selbst.
Ich bin frei. Ich kann jetzt gehen.

Aujourd'hui, grandmère est morte. Es ist ein wenig wie damals, als John Lennon vom Tod Elvis Presleys erfuhr. Eine SMS, ein Anruf, sparsame Kommunikation über ein paar Ecken. Ich habe sie bestimmt elf Jahre nicht gesehen. Ich weiß noch, wie ich versucht habe, sie anzurufen, Weihnachten 2006 oder 2007. Sie nahm einfach nicht mehr ab.

Es ist schwierig mit den Verbindungen, und es steht eine ganze Menge auf dem Spiel.



Alea kam aus dem Norden, aus einer nordischen Küstenstadt. Man sah es ihr nicht an, man hörte es auch nicht. Ihre holzbraunen Augen leuchteten, worüber ich mich sehr wunderte. Können holzbraune Augen leuchten? Meine eigenen waren grau. Eisgrau. Über diese Augen wunderte sich Alea.

Sie war mit ihrer Mutter aufgewachsen, ihr Vater war früh verschwunden, sie wusste nicht, ob er noch lebte. Angeblich hatte er eine andere Frau kennen gelernt, als sie drei war, und war dann verschwunden. Die Aussagen ihrer Mutter unterschieden sich je nach Stimmung. Mal war der Vater ein unersetzlicher Verlust, die große Liebe, die sie niemals hätte gehen lassen dürfen, mal war er ein Idiot, ein Schürzenjäger, eine untreue Seele, die sie fallen gelassen, verraten, gedemütigt hatte, und er könne von ihr aus krepiert sein, egal wo. Es gab Fotos von ihm, Bilder, auf denen ein graugesichtiger Mann vor unfertigen Häusern stand, auf Baustellen, mit Mützen oder Helmen auf dem Kopf, ein Architekt. Es gab kleine Filme, in denen er über Projekte redete oder lachte, tanzte und feierte. In einem kleinen Film saßen er und ihre Mutter, die noch sehr jung war in diesem Film, auf einer Parkbank im Zentrum einer südlichen Stadt und küssten sich, der Film sei irgendwann namenlos aufgetaucht, hatte die Mutter erzählt, sie haben nicht gewusst, dass sie da gerade gefilmt worden seien.


Alea hatte kalte Hände. Mit diesen kalten Händen fasste sie mich an. Aber ich mochte nicht angefasst werden, wenn es nicht um Sex ging. Und jetzt konnte es nicht um Sex gehen. Ich stand auf und rief D. an. Manchmal hat sie den Charme einer Putzfrau, dachte ich, während ich sie aus drei Metern Entfernung musterte und gleichzeitig mit D. redete. Sie war durch die Betten der Stadt gewandert, das wusste ich. Eine fleißige Ministeriumsmitarbeiterin, die nichts anbrennen ließ. Wir hatten uns auf einem Empfang kennen gelernt. Sie war in den Raum gekommen, einem weißen Foyer mit hohen Fenstern, und hatte mich im Vorübergehen angelächelt, mit einem nicht unbedingt offensiven, aber offenen Lächeln, einem freien Lächeln, wie ich es von den Kolleginnen nicht kannte, sie musste neu sein. Neu in der Stadt. Mit diesem außerstädtischen Lächeln. Und dann hatte sie sich auf einen der Stühle gesetzt, und es kam ausgerechnet Th. herein, der sie begrüßte. Zwei Wangenküsse. Vergeblichkeit und Hoffnung in ein und demselben Moment. Vergeblichkeit, weil es schien, dass sie schon vergeben war, ausgerechnet an Th. Hoffnung, weil es bedeutete, dass sie bald frei sein würde, denn mit Th. hielt nichts lange, außerdem gab es da jetzt eine Verbindung, auf die aufzubauen war.

Die Augenfarbe ihres Vaters war grün. Ein bestechendes, giftiges Grün. Das Braun hatte sie offensichtlich von ihrer Mutter geerbt, aber die Tests waren nicht sicher. Es machte ihr nichts, sie hatte nie besonders auf Augenfarben geachtet. Aber dieses graue Schimmern, dieses flächige Grau, plan wie eine alte Straße, frisch wie Zement, das beschäftigte sie. Weil es so ein undurchsichtiges Grau war, vielleicht.


Donnerstag, 23. Juni 2016

Der goldene Juni

"Er stellte sich die Welt der Sprache (die Logosphäre) als einen riesigen, permanenten Konflikt von Paranoias vor. Nur diejenigen Systeme (...) überleben, die erfinderisch genug sind, eine letzte Figur hervorzubringen, eine Figur, die den Gegner mit einer halb-wissenschaftlichen, halb-ethischen Vokabel kennzeichnet, eine Art Drehscheibe, die es gleichzeitig ermöglicht, den Feind festzustellen, zu erklären, zu verurteilen, zu bespucken, zu vereinnahmen, mit einem Wort: ihn zahlen zu lassen. Das gilt unter anderem für einige Vulgatae: für das marxistische Reden, bei dem jeder Einwand ein Klasseneinwand ist; für das psychoanalytische Reden, bei dem jede Verleugnung ein Geständnis ist; für das christliche Reden, bei dem jede Ablehnung eine Suche ist, usw. Er wunderte sich, daß die Sprache der kapitalistischen Macht auf den ersten Blick nicht eine solche Systemfigur enthält (...); da begriff er, daß der Druck der kapitalistischen Sprache (...) nicht paranoischer, systematischer, argumentativer, strukturierter Art ist: es ist eine unaufhaltsame Vergiftung, eine doxa, eine Art Unbewußtes: kurz die Ideologie schlechthin."
Roland Barthes, "Die Lust am Text"




Der Blog von Wolfgang Herrndorf: unerreichbar. Man will etwas zu Stalking und Paranoia lesen, bitte: Kapitel 37. In Kapitel 36 unten feiert er Karen Duves Roman "Dies ist kein Liebeslied" ab. Was mich überrascht: Das Buch war das dritte, das ich gelesen habe, nachdem sich E. von mir getrennt hat. Das erste war "High Fidelity" von Nick Hornby, das ich zum zweiten Mal las, das zweite das "Soloalbum" von Benjamin von Stuckrad-Barre. "Dies ist kein Liebeslied" passte in die Reihe, aber hängen blieb leider nicht viel. Ich hätte mich womöglich auch nie wieder an dieses Buch erinnert, da ich es selbst nicht besitze. Danach habe ich "Die toten Männer", "Die gnadenlose Liebe" und Gedichte von Raphael Urweider gelesen. Was ist aus dem eigentlich geworden? Schreibt er jetzt Zürichkrimis?

You sit there, you look at me
I just smile, I just die
Dance and die
Dance and die


Als meine Eltern sich scheiden ließen, war ich 23. 23 war meine Glückszahl. Die Scheidung meiner Eltern aber war kein Glück, auch kein verspätetes (ich hatte mir in der Jugend oft gewünscht, dass sie sich scheiden ließen – damit die Macht, die sie über mich hatten, sich endlich teile). Im Gegenteil, sie bedeutete das Ende von allem. Das Ende der Kleinfamilie, das Ende der Provinz, das Ende der Religion, das Ende des Glaubens an die romantische Liebe. Da mich meine erste Freundin ebenso verlassen hat wie meine Mutter, und da beides nicht zum ersten Mal geschah, gab ich mich fortan gewarnt. Liebesbeziehungen halten nicht, sind temporär, vielleicht sogar an sich unnütz. Dass die Frau, mit der ich gerade zusammen war, meine zweite Freundin, mich wirklich liebte, und mich nicht so schnell und ohne Weiteres verlassen hätte, sah ich nicht. Ich ging vom Gegenteil aus.

Ich war voller Spinnweben, ich konnte Schritte hören, ich konnte die Schritte nachvollziehen, ich spürte jeden dieser Schritte, die ich machte, im Kopf. Ein Himmelskomiker im Lügentempel. Das Bild eines Dachstuhls, auf dem man sich eine Schlinge um den Hals legt. Du und Dein kleines Königreich, ihr werdet untergehen. Ich erinnerte mich an den Widerstand. Ich verstand ihn immer noch.


Dienstag, 21. Juni 2016

Versuchen, seine Mutter Strumpfhosen

»Ich, ich wollte eigentlich nur mitfahren. Ich habe selbst kein Auto, nicht mal den Lappen, aber ich find das gut, wenn Häuser vorüberziehen, wenn Landschaften vorüberziehen und man so ist wie eine fahrende Kamera. Außerdem hatte mir T. gesagt, wir würden da Chiara treffen. Chiara würde mit dem Geld kommen, und wir würden sie da treffen. An diesem Treffpunkt. Ey, das war schon viel mehr, als ich überhaupt wissen wollte, Mann. (Fährt Zeigefinger aus, steckt ihn aber schnell wieder ein.) Ich hänge also im Beifahrersitz, vorschriftsmäßig angeschnallt, hehe, und wir driften so durch die Ausläufer, und die Wolken standen am Himmel wie festgesaugt. Wir surften auf einer grünen Welle, überall nur Grün, und ich kramte im Handschuhfach nach der passenden Musik, irgendwie Trap oder so was wäre gut gekommen, aber Big T. hatte nur uralte Tapes mit krass alter Gitarrenmusik. Die Frau auf dem Rücksitz kannte ich nicht, ja, da war eine Frau dabei, eine ältere Frau, keine Ahnung, mit eckiger Brille, schreibt Krimis, dunkelhäutig, egal, die wollte sich eine Übergabe live ansehen, das hatte sie jedenfalls gesagt. Die war ansonsten stumm wie eine Topfpflanze. Aber das juckte mich nicht weiter. Mich interessierte nur das Fahren und der Stoff und Chiara.«


Wolfgang Welt ist tot. Ich hatte als Literaturredakteur ein-, zweimal Texte bei ihm angefragt. Was ich bekam, waren des Nachts geschickte Mails mit Textfragmenten voller Tippfehler. Aufgabe war es, die einzelnen Textfragmente zusammenzufügen. Erstaunlich aber, dass die Textfragmente aufeinander aufbauten. Als ob er Texte strickte. Masche fallen lassen, egal, Pause, dann weiter (nur die Texte von Milena Oda waren noch schwerer zu redigieren). Sein Lektor hätte ich nicht sein wollen.

Die Wiedergabe des Wahnsinns in "Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe" ... fantastisch und genau. Eine 1:1-Erzählung des Wahnsinns. Super.

Oliver Kluck fotografiert gehende junge Frauen. Immer von hinten.

Warten auf Nr. 38.

Revision des Videotexts. Hier stimmte es noch nicht. Es war nicht flüssig genug. Stimmt es jetzt? Oder ist es noch zu eindimensional, zu schlicht angelegt, zu vorwitzig? Noch mal prüfen.

My Own Private Video


Vor dem Treiben: sinnlich im Sessel.
Ich bin im Bilde, mit Popcorn, und möchte
zurück in die Simulation, in die gejinxte. 
All die Frühstücksmeilen, die gegangen. 
All die Niederlagen im Lichtschutzgebiet.
Schmerzensbrecher auf gefasstem Platz.
Ganz die Leinwand, alte: Ich greife vor, ich
greife zurück. Die weiten Felder, hole
Metaphern, hart wie eine Verschmutzung.
Die Couch riecht nach Hund, ich möchte
die Identität jinxen, all die extraweiten
Simulationen STOP. Die Knipse, die Kanal
augen, die weit offenen Biber. Augen aus
Metall, der Stadtkanal. BRING THAT BILD
BACK MAN, das Aufgenommene. Was
daliegt, verstreut, was zum Verhängnis
wird, nach dem Treiben im Sessel.
All die verdammten Unterteile.

Sonntag, 19. Juni 2016

Die Sekretärin meines Herzens

Ein Kirchenchor auf dem Weg durch die Zwischenebene. Eine Altstimme setzt an, der halbe Chor stimmt ein. Ein Choral auf dem Weg zwischen zwei U-Bahnstationen.

Diese Bilder gehören nirgendwohin.

Eine Gruppe Gebärdensprachler beschließt, einen Chor zu gründen.
Auf Kommando simultane Handbewegungen.


Der lange Weg zur Bourgeoisie, man lädt sich zum Essen ein, man redet über Kinder, man fährt mit dem Taxi nach Hause. Goch, was ist das schon! Ein niederrheinisches Kaff, eine verregnete Gegend. Ich dachte mit Wehmut an Lisa. An die Vergeblichkeit meiner Bemühungen. An die verflixte Sehnsucht. Stoppt das eine Problemrad, setzt sich ein anderes in Bewegung. Ich malte mir aus, wie ich ihr sagen könnte: »Ich liebe dich. Aber mach dir keine Sorgen, das hat nichts zu sagen.« (Als ob meine Liebe gänzlich unangemessen, eine mögliche Belastung für sie sein könnte. Aber so war es ja auch.) Sie nickte so halbtraurig und ich küsste sie.

In der Wirklichkeit schrieb ich ihr eine Nachricht, was man zu dieser Uhrzeit nicht mehr machen sollte, verließ die Party und stieg in ein Taxi. Es roch seltsamerweise nach ihr, nach einer Mischung aus Zigaretten und einem undefinierbaren Parfum, irgendetwas schwer Süßliches; im Radio lief eine von einer alten Diva gesungene Version von »Satisfaction«, ich fuhr einsam und geschlagen nach Hause. Da ich noch nicht richtig müde war, sondern überdreht, schaute ich fern, um herunterzukommen. Drei Männer betraten eine Wohnung und zogen ihre T-Shirts aus. Sie waren babyblau, mädchenrosa und einfach schwarz mit Aufdruck: DEPPEN WERDEN DEPPEN SEIN. Ich schmunzelte, stellte den Fernseher ab, entkleidete mich. Wild entschlossen schlief ich ein.



Die Adria
Die Nordsee
Das Mittelmeer
Der Ärmelkanal
Die Ostsee
Die Ägäis
Der Atlantik
Das tyrrhenische Meer

In einer feuchtwarmen Nacht, als
sie sich aufrecht bewegte, mit glühenden Beinen.
mit dem Motto: Frau werden

Freitag, 17. Juni 2016

Infraschall

Krebsmittel auf dem Mars
Verspannungskopfschmerzen

und Übertretungen, aber
es muss ja irgendwie gehen.

Infraschalltests, "Raus in
die Natur" hamwa heute nich


Für zuvorkommende LeserInnen! Der Autor würde sich über Postkarten aus den folgenden Städten freuen (der Städtename sollte auf der Vorderseite zu sehen sein können; und leere Postkartenrückseiten werden bevorzugt):

Pulheim, Langenfeld (Rhld.), Leichlingen, Wuppertal, Essen, Moers, Xanten, Holzen, Bretten, Herrenberg, Leonberg; Radstadt, Steyr, Loich; Balatonakali; Warschau, Breslau; Grado, Caorle, Modena; Grenoble, Renage, Serignan; Alicante, Denia, Valencia.

Bitte an folgende Adresse schicken: R. Hamann, Weserstr. 205, 12047 Berlin. Belohnungen in Form von Buchpräsenten sind obligatorisch.

Ich ließ noch einmal den Blick schweifen, aber das Ambiente wurde nicht besser. Die Wände waren blutrot, aus blutrotem Kunststoff; an der Längswand hing ein länglicher goldener Drachen, der eine dreispaltige Zunge aus dem Maul streckte. Die Drachenkönigin. Ich sah Lisa an. Heute trug sie Kontaktlinsen, ich fragte mich herum. Sie sah vor sich hin, und was ich erzählte, schien für sie der Sound eines Zimmerspringbrunnens zu sein. Um dieses Gespräch zu führen, hätten wir auch andere Orte aufsuchen können – die Schlange in einer Postfiliale, einen einsamen Hinterhof voller Bauschutt, eine Lagerhalle für Registrierkassen, ein verwaistes Fußballfeld in der Nähe eines Friedhofs.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Verzeihflung

Am Nebentisch sah ich jemanden eine druckfrische Neuausgabe der »Geschichten vom Herrn Keuner« aus einer weißen Plastiktüte kramen. Ein junger, kleinwüchsiger Mann mit dunklen Haaren im altmodischen Bürstenschnitt. Er trug ein anthrazitfarbenes Hemd, das ihm etwas zu groß schien und in dem er wie ein Heiratsschwindler aussah. Der Halbfinalist im Turnier der Unsympathen. Aufgeregt blätterte er in dem Backsteinbuch herum, stand auf und zeigte einem Bekannten, der an einem anderen Tisch vor sich hin tippte, eine bestimmte Stelle. Der Bekannte, ein blonder Sitzriese mit Füßen, die bis zum Ausgang reichten, schaute kaum von seinem Klapprechner auf.

Weiter anwesend: zwei schwäbische Lesbierinnen, zwei junge Hippie-Frauen, eine blasierte Kuh aus der oberen Mittelschicht und ihr unscheinbarer Freund. Die Bedienung mit einem mausgrauen Rock über der schwarzen Jeans. Nichts für meine pornogestählten Augen. Die CD sprang, die Bedienung stellte sie ab, suchte nach einer neuen.

Ich mochte das Cover. Der Sänger der Kings of Convenience, einer norwegischen Band, die der Richtung »Quiet is the New Loud« (so heißt auch die CD) zugerechnet wurden, hieß Erlend Øye. Auf dem Cover trägt er ein verwaschenes blaues Hemd, darunter ein T-Shirt. Auf der Nase eine große, eckige Brille, ein hellbraunes Gestell vermutlich aus den frühen achtziger Jahren, das gut zu seiner Haarfarbe passte. Augenlider viertelgeschlossen, ein unmerkliches Grinsen, das leichte Überlegenheit signalisiert. Sein Compagnon Eirik Glambek Bøe sitzt knapp dahinter und liebkost seine dunkelrothaarige Freundin, die ein nacktes Bein zeigt.

Ein gelungenes Dreieck.

Power Mist
Historical Slamming

"Wenn dir Leute erzählen, sie hätten sich ein Haus gekauft, können sie dir ebensogut mitteilen, sie besäßen keine Persönlichkeit mehr."
Douglas Coupland, Generation X

Butterfarbene Affenhitze, glutheiß
Vera alles besser, wenn

Ein neues Gedicht, von dem ich noch nicht weiß, ob es so geht.

Unsex


Heimliche Umzüge nach Dresden, nach Pankow.
Es ist nicht das weiße Kaninchen, es ist etwas anderes

Ein Geruch nach Milch in den eigenen Eierschalenwänden
Eine schwarze Katze mit Namen Minerva, die um uns herumstreicht

Eine Stadt, die an einem Tag gebaut wurde, ein Orgasmus
der eine Nation erschüttert, eine Kälte, die uns noch unbeweglicher macht.

Stundenweise sind wir offline, poröse Gesichter, abblätternde Haut
Man braucht ein Gegenüber, das stimmt, aber warum

solltest du das sein, Frage der Bezahlung, eine Frage von Zeit.
Ich habe das Gleiten verlernt, ich bin nicht so der Schnee-Typ

Draußen weht ein unmöglicher Wind, alles ist wie immer etwas schief
Und die mit den Degenschwänzen haben auch nicht mehr Sperma.

Die beständigen Verhältnisse, die Politik des leeren Stuhls, das Warten
auf kein Ergebnis, ich muss mich nach oben schreiben.


Montag, 13. Juni 2016

Scharpie

Der Wind wollte nicht, dass ich weiter lese.
Die quälenden letzten hundert Seiten von "Unterwelt".

Kopulierende deutsche Truppen
Grünstichiges Wasser, als ob es sich tarnen wollte
Überwachungskameras wie an den Pfählen festgenagelte Vögel
Und ein ausrangierter Helm als Bodenlampe



Natürlich begann ich mich zu fragen, wie es sein würde, mit ihr zu schlafen. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, in ihr zu kommen. Ich fragte mich, wie sie küssen würde, ob sie warm und süß küsste, ob und wie sie ihre Zunge einsetzen würde, eine kleine Zunge stellte ich mir vor, eine, die spitz zuläuft, oder eine formschöne runde Zunge, und ob es schön wäre, sie zu küssen. Das würde den Unterschied ausmachen, dachte ich. Ob es schön wäre. Darauf käme es an. Ich wusste, dass ihre Brüste klein waren, und dass sie einen stampfigen Gang hatte, eine Art, stampfend aufzutreten, etwas, das überhaupt nicht tänzerisch war, obwohl das ihr Mädchentraum gewesen war: zu tanzen. Ich fragte mich, ob das der Grund gewesen ist, warum sie keine Tänzerin geworden war, sondern eine Bearbeiterin fremder Muskelmasse. Eine lebende Relaxanzhilfe. Eine Handarbeiterin. Es fehlte das Tänzerische, und eines Tages hatte das jemand gesehen und erkannt und ihr schonungslos beigebracht, tut mir leid, aber ich sehe nicht, dass du hier eine Zukunft hast, eine Zukunft als Tänzerin, von deiner Herkunft mal ganz abgesehen, die ja auch nicht gerade günstig ist, einmal Arbeiterklasse, immer Arbeiterklasse. Darauf käme es an, dachte ich, so verliebt man sich in jemanden, der einem nicht unbedingt perfekt erschien, deren Fehler man aber mitnehmen würde, wenn es schön wäre, sie zu küssen.


Ich fuhr mit Lisa an den See. Oder soll ich sagen, Lisa fuhr mit mir? Sie hatte einen Wagen, einen roten Audi mit ausklappbarem Verdeck und bayerischem Kennzeichen; ein nach Design riechendes Firmenfahrzeug, freundliche Leihgabe des Chefs, einem in die Jahre gekommenen Verleger, von dem sie Sonntagmorgens auch gern einmal ins Haus zitiert wurde, um ganz persönlich berufliche Aufträge entgegenzunehmen. Aber es war Samstag, und Lisa fuhr mit mir an den See, nach Buckow, zum Schermützelsee. Als wir losfuhren war bereits Nachmittag. Ich hatte noch einen Bericht schreiben müssen, einen Bericht über die Beerdigung eines ranghohen Politikers, die am Vortag stattgefunden hatte, während sie zu einem Brunch eingeladen war, einem Brunch mit Freunden. Jetzt düsten wir durch einen ergrauenden Dezembertag, Lisa hatte melancholische Musik in den CD-Spieler gespeist, die Kings of Convenience, wir wollten das Brecht-Weigel-Haus besichtigen und um den See herumspazieren, einen Ausflug machen, um festzustellen, ob wir als Paar taugten, ob wir es schafften, außerhalb der Stadt Liebe zu machen, und dafür suchten wir ein Hotel.

Samstag, 11. Juni 2016

Aquarust

Das Schloss der Nationalmannschaft, die EM als Fiktion.
Wie üblich die beklagenswerte Sommerschuhmode in den Straßen.
Mein balkanisiertes Ich und die integrierten Migranten, die rechts wählen.
Bürokraten vs. Intellektuelle.

Die lauwarme Luft, der Geruch nach gegrilltem Fleisch, die weißen, jetzt verschatteten Häuser, die immer noch die Hitze des Tages atmeten. Das Fett, das Fleisch, die aufatmende Haut, Salzwasser und Sonne, und das englische Bier, ich war irritiert. Ich war irritiert, dass die junge Engländerin, vielleicht 16, nicht mich meinte, mich nicht mehr meinen konnte (als ob sie es je gekonnt hätte!), denn ich war verschwundenen in einen allmählich beleibten Körper (dad bod) eines Anfangvierzigjährigen, während sie hier ihrem 16-jährigen Freund gegenüber saß, der über einen Bildschirm das Spiel von ManU verfolgte, während sie über seine Schulter hinweg auf einem anderen Bildschirm dasselbe Spiel sah, und mein Kumpel und ich saßen und aßen und ich staunte über die Vergänglichkeit und die Sehnsucht und den Skandal, soetwas auf diese Art nie wieder erleben zu können. Dann standen die beiden Teenager auf und verschwanden in die Nacht.


Sie hat eine kleine Zunge, die außerdem noch spitz ist. Sie führt lispelnde Zungenküsse aus.
In der Orthopädie herrschte dicke Luft. Ein junger Poser an der Spitze der Schlange vor der Rezeption erbat sich Diskretion.
Mir gegenüber saß eine Frau, die ihren Schlüsselbund an einer Schlaufe um den Hals trug. 23 Schlüssel, mindestens. Mintgrüne Socken in schlabbrigen, abgetragenen Sandalen. Hängebauch, Hängetasche, Ende 50, Ende des Lebens.
So endet es dann.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Ein Mädchen, das sich grämt

Es gab Kopfhörerprobleme.
Ich saß wieder einmal journalistisch herum. Poesie und Konflikt, Ehrenkarte.
Every life is difficult, aber schade um ihr Gesicht. Sie ist jung, und hat alte Beine. So etwa.
Das Mittelmeer: the sea of fate.
Gedichte, in denen das Wort "Gott" vorkommt. Gedichte, die hauptsächlich nachts spielen.
Der Geduldgott.
Der General, hörte ich, hatte eine Tüte Ohren dabei. Menschenohren.
"Sei ohne Schiffe."

Ich stellte mir einen Orgasmus vor, der eine Nation nicht nur erschüttert, sondern gänzlich auflöst.
Eine Stadt, die an einem Tag gebaut wurde.
Und ich dachte nach: Die Wohnung Vorderhaus Parterre wird in einen Burgerladen umgewandelt.
Ich hatte heute tatsächlich einen Rentner gesehen, der etwas in einen Mülleimer warf, statt möglicherweise etwas da herauszuholen.


Alte, schwere Uhren bewegten ihre Zeiger vorwärts. Dieses staubige Gefühl, das man hier bekam, das aus einer anderen Zeit stammen musste. Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Eingang und starrte mitgenommen auf den Platz, über den Studierende irrten, rannten, schlurften, gingen, auf dem eben noch eine Ahnung von Alea hing, die jetzt in ein anderes Gebäude verschwunden war, als ob ihr Name gar nicht zu ihr gehören würde, und eigentlich konnte nur Diffamie dahinter stecken, ein Fall für das Ministerium für Offenheit, kann gar nicht sein, dass hier alle so wichtig tun und im selben Moment wieder verschwunden sind wie die Zeit, wie die Fahrzeuge auf den Betonrampen, den Zufahrten, den Zubringern, wie die Gesichter, die auftauchten in der Vorhalle und wieder abtauchten in irgendeinen anderen Zusammenhang, und draußen vor der Stadt tobten Kämpfe, Maschinenkämpfe, auf die hier an diesem Ort nichts, aber auch gar nichts hindeutete. Ich sprach einen Text in mein Gerät. Das andere Ende antwortete nicht.


Oh, ich mag dieses Blau

Heute Nacht ca. 4 Uhr aufgewacht, böser Traum, nicht mehr eingeschlafen, also am Artikel gearbeitet
Ich träumte von der Frau mit Umschaltfunktion. Der Frau, die von einem Moment auf den anderen von einfühlsam zu gefühlskalt umschalten konnte, von Freundin auf Eiskönigin. Ich träumte davon, sie verlassen zu können. Sie zu verlassen, obwohl sie mir das nicht zutraute. Aber ja, ich stieg tatsächlich hinunter zum Bahnhof, um einen Zug woandershin zu nehmen

Und oh, ich war im Recht, ich war absolut im Recht


Dienstag, 7. Juni 2016

Domestizierte Liebe

Die Paartherapeutin fragt via Facebook, was Liebe ist.
Wir sind uns da auch nicht so sicher.

Die Balz ist doch viel aufregender als der drangehängte Alltag, aber das scheinen nicht viele so zu sehen. Sie gehen auf die Jagd, um sich die Trophäenfreundin über den Kamin zu hängen. Gilt auch umgekehrt. Die meisten sind mit ihrer Rolle als lebendes Geweih sogar ziemlich einverstanden. Sogar so weit, dass sie sich selbst tätowieren lassen.

Siehe auch: Partnerwahl, Imponierverhalten, Flirt.

Fauxpas: das Anstandsbier verweigern.
Sie sagte Playmate, ich verstand Playmobil.

Sie ließ mich warten, damals. Stieg in die falsche U-Bahn, kam eine halbe Stunde zu spät. Ich war aufgebracht. Es war eine weitere Gelegenheit, sie meinen Freunden vorzustellen.


Romanvorbereitung. Frauenfiguren: Mariella Kundera, die verheiratete Geliebte. Franziska Arendt, der junge, unnahbare Schwarm. Marion Sanchez, die versteckte Geliebte. Alea Schmidt, die freundschaftlich verbundene, hochneurotische Ex.

Wer wird die Beerdigung inszenieren, wer wird die Regie führen dabei?
Was, wenn die Toten auch in der Erinnerung verschwänden? Ich hatte nie einen Großvater. Die junge Selbstmörderin I. habe ich nie gekannt. Irgendwann könnte die Erinnerung menschenleer sein. (Wie eine ostsibirische Landschaft.)

Die Drei-Wünsche-Fee zögerte.


Das Ministerium für Offenheit hatte geschlossen.
Das Jahr, in dem wir nicht miteinander geredet haben.
Worüber schreibst du, hatte er wissen wollen. Ich schreibe über eine Zukunft, die wir nicht miteinander haben, war die Antwort gewesen.
Da sie mit nackten Beinen herumlief, schaute er sich von seinem Stuhl aus ihre Kniekehlen an, als sie in den hinteren Bereich verschwand.
Selbst nach vorne, also in die Zukunft gewandt, war diese Zeit von Bedeutung. Hier und jetzt würde sich alles entscheiden, das war klar. Von dieser Passage würde alles abhängen.
»Sie dürfen die Braut jetzt küssen.« Solche Sätze hatte man früher einmal gesagt. Nein, man hatte sie GESPROCHEN.
Die Situation war immer noch dieselbe.
Aber dann kam sie von der Toilette und lächelt sich ansatzlos wieder ins Gespräch zurück.


Sonntag, 5. Juni 2016

Gefühlschroniken

Niemand schreibt noch Stellenanzeigen. Niemand schreibt noch Heiratsannoncen wie: Du hast gestern in der U7 nach Schöneberg gesessen und mich keines Blickes gewürdigt, bitte schreibe mir unter Chiffre

Sie bezeichnet Fischstäbchen als "Horstessen"
Alles muss fein raus
Modena, Angstraum, Rosetta-Sonde

"Leute, die gerade erst angekommen sind, verkaufen an Leute, die auch gerade erst angekommen sind."


Vor zwei Jahren lief eine Dokumentation über Ingo Schulze im RBB, wer ist Ingo Schulze, ein netter, pummeliger Herr, dessen Wohnung und Büro aussieht, als ob er Werbegrafiker wäre, scheint jedenfalls viel Geld zu produzieren, hat zwei Töchter mit einer ihn unterstützenden Rothaarigen, vielleicht lag es auch auch nicht an ihm, denn er sagte zwar nicht ungewöhnliche, aber zumindest keine dumme Sachen, vielleicht lag es auch nicht an diesem Setting, Wohnung, Büro, alles geordnet, sauber, vorzeigbar, dann die Frauen im Verlag, die alles total gut fanden, was da an Essays von diesem Vorzeige-Nachwende-Ossi so geliefert wurde, vielleicht lag es nicht an den Szenen, Schriftsteller im Zug, fährt zurück zum Ursprung, zum ursprünglichen Bild, von dem er eigentlich kommt, trifft dort alte Weggefährten, die im Grunde dieselbe trottelhafte Körperhaltung beibehalten haben, die man in Dokumentaraufnahmen von damals sieht, alle hängen irgendwie durch, sind aber von einer naiven Hoffnung beseelt (und schreien dementsprechend "Freiheit" in die Luft, bis sie freudestrahlend irgendeine Westkamera entdecken), ja, richtig, es gab einmal eine Zeitung in irgendeinem ostdeutschen Kaff, die die erste freie Zeitung in der DDR war, also in diesem Interregnum nach der SED und vor der Währungsunion, vielleicht lag es nicht an ihm, dass ich dachte, der schreibt bestimmt auch so langweilig wie er zu sein scheint, vielleicht lag es auch an der einschläfernden Doku selbst, dass ich dann wegschalten musste.

Verlassen werden, fernsehen. In den Bildschirm klettern, in den Kulissen verschwinden. Eine Fahrt in die Wüste unternehmen, um den stillsten Ort der Erde aufzusuchen. Nur um dort das Knirschklavier nur noch deutlicher zu hören. Den Hörnerv abtrennen. Um nichts anderes mehr zu hören außer dem Knirschklavier. Ignorieren ist das einzige, was hilft, sagen die Kollegen, und sagt meist auch das Netz, obwohl es doch möglich sein müsste, einen zerstörten Nerv wiederaufzubauen oder dem Ohr einen reziproken, gegenteiligen Sound vorzuspielen, um das Ohrgeräusch aufzuheben. Vielleicht selbst Musik machen. Ein Eisklavierkonzert in F-Moll. Martin stand auf, um sich etwas aus der Küche zu holen, ein leerer Blick in den Kühlschrank, ein Blick über den Kühlschrank hinaus. An der Küchenwand hingen Fotos, sie hingen noch nicht lange da, Farbfotos von blauen Flecken, die sich jemand beim Rad- oder Skifahren zugezogen haben musste. Entgeistert starrte Martin auf die Fotos. Drei Fotos, hochgezogene Abzüge, ungerahmt, und ein fotorealistisches Bild eines der drei Motive. Fotos von den blauen Flecken einer Sportlerin. Oberschenkelhaut in Großaufnahme, einmal Innenseite, zweimal Außenseite, Martin erkannte vielleicht nicht die blauen Flecken, aber doch die Haut, die Muttermale wieder. Ein Fotoprojekt: Abzüge von Haut, die Haut von Sportlern, es hatte eine Ausstellung mit Narben gegeben, zu der sie gegangen war, auf der sie den Künstler kennen gelernt hatte. Verlassen werden, schlafen, Bilder sehen. Martin schaffte es, sich von den Bildern zu lösen. Er kehrte zurück, offener Durchgang von der Küche aus, schwerfällige Möbel standen im Weg, der Baum im Fenster wackelte ein wenig, in den Ästen hingen Kabel.


Freitag, 3. Juni 2016

Sandpaläste

Sie liebt ihn. Erwähnt man seinen Namen in seiner Abwesenheit, schaut sie reflexhaft auf ihr Handy, um zu checken, ob er sich vielleicht gemeldet hat.

Es ist ungewöhnlich, jemanden zweimal kurz hintereinander in der U-Bahn zu sehen.

Als sie mich zum ersten Mal gesehen hat, hat sie mich angelächelt, wahrscheinlich, weil sie mich für potenziell irgendwie wichtig hielt.

Ich höre alte Musik im Wohnzimmer. Ich feile am Text, dessen Bezüge mir fehlen. Es liegt keine Erwartung in der Luft, zumindest nicht in dieser Stadt. Unablässig pfeifen Spatzen irgendwo hinter den nassen Blättern vor meinen Fenstern. Ich lege die nächste Platte auf. Dauerregen, Berliner Realitäten, Putz- und Badetag. Zweimal fliegt im Bad die Sicherung raus. Ich denke über die Spinnerten nach. Über die qualifizierten Girls. Die Urlaub auf dem Bauernhof machen, oder in Nepal, und nicht von den Pferden lassen können. Die nicht an die Schulmedizin glauben, sondern lieber von Buddhismus faseln, und von den Selbstheilungskräften der Natur. Die katholischen Mädchen, die irgendetwas suchen, was sie in der Jugend verloren haben; die verspätete Widerstände gegen ihre verstorbenen Väter ausleben. Die mit dem intakten Elternhaus, die Bayernfans sind und oberflächliche Popmusik für einzigartig halten. Die nicht lesen. Die sich nicht für Literatur interessieren.


Die Balkontüre öffnet sich und heraustritt ein junger Mann, der sich eine Zigarette anzündet. Der glühende Blick. Er macht das im Dunkeln. Er raucht, sieht vor sich hin, hält sich die Jacke zusammen, weil ihm friert, dann drückt er die Zigarette aus und kehrt in sein Zimmer zurück.

Es ist so: Ich will ja gar keine Kinder, aber es gibt Frauen, die ich schwängern würde.
Logischerweise müssten Frauen Linkshänderinnen sein, und Männer Rechtshänder. Händisch.
Es ist einfach: Ich will eine, die ich will.

"Chronisch-entzündliche Dauererkrankungen haben viele Gesichter."

Ein Buch, das ich interessanterweise zum zweiten Mal lese: "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser. Ich kann mich an die erste Lektüre nicht mehr erinnern, sie fand in der Schule statt, irgendwann. Aber ich könnte schwören, dass die Anmerkungen mit Bleistift von mir stammen. Ich habe die gleiche Ausgabe für 2 Euro im Antiquariat erstanden. Es könnte wirklich meine Ausgabe sein, die ich vor Jahren irgendwohin verkauft habe. Aber es ist doch eine andere: Die gedruckte Preisangabe in Euro verrät es. Die gab es 1988 noch nicht. Ein überraschend gutes Buch, das ich als Schüler wohl noch nicht verstehen konnte. Schöne Sprache, guter Konflikt. Lustig auch, dass sich mein Deutschlehrer hier zu so einer Selbstkritik getraut hat.

+ Hier gibt es die "Originaltöne" zu hören, die ich für das Deutschlandradio Kultur gemacht habe.

+ Die Kurzgeschichte EINE AFFÄRE MIT DER WIRKLICHKEIT ist jetzt auch online.



Jeden Abend kurz vor Mitternacht: die Nationalhymne. Sie läutete den Tag aus. Darauf konnte man sich verlassen. Jetzt würde in Kürze, mit den Nachrichten, ein neuer Tag beginnen.

Juni 2007:
1.6. Dolphins in der Zentralen Randlage. 2.6. Hochzeit B. und E. 3.6. Scout Niblett. 4.6. Joseph-Roth-Diele, Kino: Prinzessinnenbad, Würgeengel. 5.6. Hackbarths. 6.6. Smashing Pumpkins in der Columbiahalle. 7.6. Bateau Ivre, Kinski. 8.6. Köln. Rathenauplatz. 9.6. Biergarten, Fiffi Bar. 10.6. Kino: The Host, Stadtgarten. 11.6. Stadtgarten. Düsseldorf-Benrath: Lesung. Lindenhof. 13.6. Berlin, Lombardo. 16.6. Mysliwska. 17.6. Kohlenquelle. 20.6. Lesung Kulturhaus Mitte. Caribou. Kinski, Freies Neukölln. 22.6. San Remo. 24.6. Bateau Ivre. 25.6. Klez.E + Blonde Redhead im Postbhf. 26.6. Kino: Inland Empire, Hubertus Lounge. 28.6. Zahnarzt. 29.6. Mysliwska. 30.6. Lombardo.

Mittwoch, 1. Juni 2016

La Vendetta

In einer Tiefgarage ertrunken

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Jetzt werde ich,

Ich sehe etwas mit den Augen einer Biene. Nein, ich sehe nichts mit den Augen einer Biene.
Performance ist, wenn sich die Falsche auszieht

Laura Tonke, die eben den Deutschen Filmpreis erhalten hat, endlich und wahrscheinlich zurecht, hat in einem Interview offen von der "passiven Position" der Schauspielerin/des Schauspielers erzählt. Dauernd muss etwas angeboten werden, und dann wartet man auf das Urteil eines Beurteilers. Man will das auch gar nicht. Man will diese Konstruktion nicht, man will nur das machen, was man machen kann und will.

(Ich hatte auch schon mal die Freude und Ehre, Laura Tonke zu interviewen: hier.)

Mailwechsel mit einem Redakteur einer großen Lokalzeitung:

Lieber X,

hier etwas für "unter dem Strich", eine Glosse über Mutterbesuche, Tourismus, die große schmutzige Stadt und all das.
Hoffe, sie gefällt. Bescheid wäre nett.

Bestes,
René Hamann


Lieber Herr Hamann,

vielen Dank für die Einsendung, aber ich glaube nicht, dass ich den Text brauche. Sie dokumentieren in kurzen Blicken einen Spaziergang durch die Stadt und streifen vielbekannte Phänomene. Das ist mir bei einigen hübschen sprachlichen Pointierungen zu locker und zu oberflächlich. Oder mir entgeht bei Ihren vielen Andeutungen und Anspielungen der Kern.
Vielleicht befragen Sie sich noch einmal selbst, worum es Ihnen in dem Text geht.

Bei allem ist mein Stehsatz gut bestückt…

Schönstens,
X

Lieber Herr X,

seltsame Antwort, aber immerhin eine Antwort. Schade, dass Ihnen der Text nicht gefällt. Mag sein, dass es zu viele Andeutungen und Anspielungen sind, aber ich finde, sie erklären sich eigentlich ganz gut. Dass es Ihnen andererseits wiederum zu locker und zu oberflächlich zugeht - nun gut. Ich weiß, es gibt brillantere Texte. Trotzdem sollte auch die Kritik respektvoll sein, finde ich.

Aber wenigstens sind Sie ja gut bestückt.
Mit Gruß
René Hamann

Ja, vielleicht bin ich auch schwer erträglich. Diese Wut, die ich noch nicht zu regulieren gelernt habe. Diese Wut über Ablehnung.

Juni 2006:
1.6. Köln. Stereo Wonderland. 2.6. Super 700 im Artheater, Stereo Wonderland. 3.6. Langenfeld, Emmerich. 4.6. Pinte. 6.6. Düsseldorf. 7.6. Köln. 8.6. Hallmackenreuther. 9.6. Siegen, Berlin. Schwarzes Café. 10.6. Party. 12., 13.6. Lombardo. 14.6. Interview Justine Electra Wohnzimmer, Lombardo. 16.6. Lombardo, FC Magnet. 17.6. Party. 18.6. Lübbenau: Party N. 19.6. Lombardo. 20.6. Lombardo, Club 49, Bellmanns. 21.6. Café Kreuzberg. 22.6. Lombardo. 23.6. Lombardo. Raconteurs im Postbahnhof. 24.6. Lombardo, Arctic Monkeys in der Columbiahalle. 25.6. Forward Russia im Lido. 26.6. Interview Forward Russia, Lombardo. 27.6. Wohnzimmer, Lombardo. 28.6. Willy Bresch. 29.6. Lesung im nbi. 30.6. Lombardo.