Mittwoch, 7. Dezember 2016

Das Gegenteil von Rosa

Die Frau mit den haselnussbraunen Augen. Die Frau aus dem Wald, das Gegenteil von Rosa. Mit diesem etwas schief hängenden Blick, als ob sie einem immer auf den Mund schauen würde, und nicht in die Augen. Was natürlich die Begierden weckt. Und die Brille auf der Hälfte der Nasenlänge.

Ihr Telefon summt wie eine Wespe.
Ihr sexuelles Kapital strahlt nicht so üppig wie sie denkt. Sie sitzt in der Wohnung und denkt nach. Kann eine Abweisung Genugtuung verschaffen?
Von oben kommt Techno, wild und stumpf.

Eine Familie mit unüberlegter Wohnung.

Alea hatte aber kaum ein paar Worte über ihre Freundin verloren, da erschien diese schon. Sie wirkte freundlich und hell, sie umarmte uns, während wir sitzen blieben, und setzte sich neben Alea. Sie wirkten vertraut miteinander. Für einen Moment schien mir die Situation merkwürdig banal zu sein. Dann stieg eine Magie auf, je älter der Moment wurde. Vielleicht lag es an der Luft, die immer noch satt und schwül war.

Alea und Silvia tauschten sich auf Englisch über Hotelbesitzer und das Fotografieren von Mahlzeiten aus. Ich drehte mich weg, während sie sich näher zu kommen schienen. Ich schaute etwas wehmütig auf die Ränder des Meers. Dann sah ich wieder die beiden Frauen an, die helle Engländerin, die mir ein, zwei Seitenblicke gönnte, ein wohlwollende Neugier, und die Frau aus Madrid. Ich hätte sie gern aus dem Meer steigen sehen. Und wen hätte ich lieber aus dem Wasser kommen sehen? Alea oder Silvia? Beide, dachte ich jetzt, beide.

Leichter Regen setzte ein. Schon bald wurde er stärker.

Eine sensorische Schwellenverstellung, also, wenn alles so laut wird zum Beispiel, man hört das Summen der Fliegen im Nebenzimmer, Vergangenheit als tote Fliege. Ein Schnellschuss ist da tatsächlich keine so gute Idee. Oder schwermütige Orgelmusik, die von drüben herüber dröhnt, etwas windschief. In einem Fensterausschnitt daneben sieht man Beine, Füße in Socken, sich im Kreis bewegen. Sie laufen los, sie halten ein. Das Organigramm, lerne ich, ist ein Kofferwort.

Frauen lauern überall.
"Du Gerät."
There is always someone cooler than you.

Dichterisches Lumpenproletariat, schreibt Bolaňo an einer Stelle.
Danke, antwortet V. auf meine Geburtstagswünsche.
Ich denke an die Zeit, als ... Dann denke ich: Führen diese Gedanken irgendwohin? Nein, im Moment nicht. Die Egosau T., die kämpferische, renitente R., die romantische Karrieristin N., der neidische B., den anderen stilistisch, literarisch unterlegen (was er nicht sich, sondern den anderen übelnahm): dafür zuerst sozialer, sozial kompetenter, verknüpfter, mit seinen Verbindungen in die Szenen in Übersee; ich denke an seinen Geburtstag, vielleicht seinen 30., den er in irgendeinem Laden, in irgendeiner dieser Neuköllner Kaschemmen feierte, zu dem er alle seine Freundinnen, Freunde und Kollegen eingeladen hatte, und alle sind sie gekommen, zahlreich saßen sie da an einer langen Tafel und hatten Geschenke mitgebracht, die auch nicht zu knapp waren, sondern reichlich; und am Ende zahlte B. keinesfalls die Rechnung, oder einen Teil, oder überhaupt irgendwas, oh nein, jede/r musste seines selbst bezahlen. Man kann sagen: Er ließ sich feiern. Das war ein Bruch, vielleicht der erste, aber keinesfalls der letzte.